Capital Wirtschaftsnachrichten
Ein Pool ist für Luxushotels mehr als ein Haken auf der Komfort-Checkliste. Er ist Instagram-Motiv, Markenzeichen und manchmal gar Reisegrund. Unser Kolumnist stellt elf Top-Hotel-Schwimmbäder vor
Früher war der Pool nur eines von vielen „Extras“, auf die Urlauber bei der Buchung des nächsten Ferienhotels achteten. Fast wichtiger waren meist die Strandnähe, sofern vorhanden, und die angebotene Verpflegung. Vielleicht noch, ob nebenan ein Beachclub die Nacht zum Tag macht. Heute können ein „Infinity-Pool“ oder gar eine ganze Wasserlandschaft der Hauptgrund dafür sein, dass ein Haus überhaupt auf dem Radar von Erholungswilligen auftaucht. Ein spektakulärer Pool liefert etwas, das im Hotelmarketing ungemein wertvoll ist: eine visuelle Identität. Ein einziges Bild kann genügen, um die Herberge zum Hotspot zu adeln.
Das wissen die Macher natürlich längst, also schaffen Hotels gezielt Motive, die ihre Gäste eifrig fotografieren und über Social Media verbreiten. Das Stichwort lautet „Instagrammability“ – von der Lobby über die Menü-Teller bis zur Sonnenliege. Ein attraktives Zimmer kann überall stehen, der Pool, der scheinbar freischwebend mit den Berggipfeln am Horizont verschmilzt? Den gibt es so eben nur im Alpin Panorama Hotel Hubertus in Südtirol. Beispielsweise. Und jeder Gast sorgt dafür, dass die ganze Web-Welt davon erfährt. Mit Reichweiten, die oft weit über die der eigenen Hotel-Kanäle hinausgehen.
So ist aus dem rechteckigen Schwimmbecken von einst längst ein architektonischer Wettbewerb geworden. Das Motto: möglichst luxuriös und fotogen planschen. Die Kante moderner Hotelpools verschwimmt mit dem nahen See, sie schweben hoch über der Stadt, ragen aus Gebäuden, verzweigen sich zur Privatlagune. Reine Erholung war gestern, heute ist Erinnerung die mindestens ebenso wichtige Währung.
Auch in den Rankings der „101 besten Hotels“ fällt immer wieder auf, wie viele der erfolgreichsten Häuser über außergewöhnliche Pools verfügen. Ganz gleich, ob in Deutschland, in der Schweiz oder seit Oktober 2026 auch in Österreich sowie Südtirol. Einige der besten Beispiele für solche Markenzeichen aus Wasser, Stein, Glas und außergewöhnlichem Panorama sehen Sie hier:
Fazit: Doch auch das spektakulärste Becken reicht nicht, um ein passables zu einem herausragenden Hotel zu machen. Bestenfalls aber symbolisiert ein Pool all das, wofür ein Haus insgesamt stehen möchte: seine Lage und Umgebung, seine Architektur, seinen Anspruch. Früher musste ein Hotelpool hauptsächlich den Gästen gefallen, die bereits da waren. Heute kann er dazu beitragen, dass andere überhaupt erst kommen wollen. Dem Selfie sei Dank.
Die Höhe der Rente wird in Deutschland anhand mehrerer Faktoren berechnet. Allerdings ist die eigentliche Formel seit mehreren Jahren außer Kraft, damit Rentner mehr Geld bekommen.
Wie stark die gesetzliche Rente jedes Jahr steigt, hängt normalerweise von mehreren Faktoren ab. Neben der Lohnentwicklung spielen oft auch politische Entscheidungen sowie das Verhältnis von Rentenempfängern zu Beitragszahlern eine Rolle.
Üblicherweise wird die jährliche Rentenerhöhung mithilfe einer festgelegten Formel berechnet. Doch diese Berechnungsweise ist derzeit eingeschränkt – für Millionen Rentner kann das mehr Geld bedeuten. Zugleich entstehen aber zusätzliche Kosten für das Rentensystem.
Rente wird weniger angepasst als geplant
Steigen die Löhne, wirkt sich das grundsätzlich positiv auf die Rentensumme aus. Zwei weitere Faktoren können den Zuwachs jedoch begrenzen: Der Beitragssatzfaktor berücksichtigt Änderungen bei den Rentenversicherungsbeiträgen. Und der Nachhaltigkeitsfaktor bezieht ein, wie sich die Zahl der Rentner im Verhältnis zu den Beitragszahlern entwickelt. Wenn immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Renten aufkommen müssen, kann dies die Anpassung bremsen.
Seit dem 1. Juli 2024 sind diese dämpfenden Einflüsse vorerst außer Kraft gesetzt. Mit dem Rentenpaket 2025 wurde zudem festgelegt, dass das Rentenniveau bis einschließlich 2031 bei 48 Prozent abgesichert bleiben soll. In diesem Zeitraum richtet sich die Anpassung im Wesentlichen nach der Lohnentwicklung, unter Berücksichtigung der Sozialabgaben.
Höhe der Rente wird vor allem durch die Löhne bestimmt
Wie viel das ausmachen kann, zeigt die Rentenanpassung zum 1. Juli 2026. Die gesetzlichen Renten stiegen um 4,24 Prozent. Nach der früheren Berechnungsmethode hätte es lediglich ein Plus von 4,05 Prozent gegeben – der Nachhaltigkeitsfaktor hätte die Erhöhung um 0,19 Prozentpunkte verringert.
Der aktuelle Rentenwert beträgt 42,52 Euro. Nach der früheren Formel wären es rechnerisch 42,44 Euro gewesen. Bei einer bisherigen Bruttorente von 1500 Euro ergibt sich somit eine Erhöhung um 63,60 Euro – auf insgesamt 1563,60 Euro. Gegenüber der ursprünglichen Berechnung macht die derzeitige Regelung rechnerisch 2,85 Euro zusätzlich pro Monat aus.
Höhere Renten, aber auch höhere Finanzierungskosten
Die stärkere Anpassung bringt Rentnern finanzielle Vorteile, erhöht aber gleichzeitig die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung. Der Bundesrechnungshof sieht deshalb mögliche langfristige Belastungen für das System und steigenden Druck auf die Beitragssätze. Auch die Verteilung der Kosten zwischen den Generationen spielt dabei eine Rolle.
Modellrechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2020 kamen zu dem Ergebnis, dass ein stärker berücksichtigter Nachhaltigkeitsfaktor jüngere Beitragszahler entlasten könnte – was allerdings ein niedrigeres Rentenniveau zur Folge hätte.
Nach geltendem Recht soll die reguläre Rentenanpassungsformel ab 2032 wieder greifen. Ob die bisherigen Dämpfungsfaktoren dann tatsächlich zurückkehren, ist offen: Die Bundesregierung plant eine umfassende Reform der Alterssicherung, in deren Rahmen auch die künftige Rentenanpassung neu geregelt werden könnte.
Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.
Pflegekräfte werden händeringend gesucht. Die Uniklinik Köln setzt auf authentische Tiktok-Videos, persönliche Ansprechpartner – und verweist auf eine Übernahmequote von fast 90 Prozent
Die Lindenburg Akademie der Uniklinik Köln bildet derzeit 880 Auszubildende und dual Studierende in 16 Berufen aus – von der Pflege bis zu medizinischen Technologien. Im Interview erklären die Leiter der Akademie, Nadine Hauser und David Petri, welche Rolle VR-Training, ein eigenes Recruitingteam und persönliche Begleitung für die Ausbildung spielen.
Was ist der Vorteil einer Ausbildung an einem Universitätsklinikum?
DAVID PETRI: Die Vielfalt. Bei uns gibt es das gesamte Spektrum der Medizin – von der Neurologie über Herzchirurgie und verschiedene Intensivstationen bis zur Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auszubildende lernen dadurch ganz unterschiedliche Krankheitsbilder, Fachbereiche und Versorgungssituationen kennen. Das erweitert ihre Handlungskompetenz und hilft auch bei der Frage: Wo möchte ich später arbeiten?
NADINE HAUSER: Wer sich für einen Spezialbereich interessiert, muss nach dem Abschluss nicht den Arbeitgeber wechseln. Mit mehr als 13.700 Beschäftigten haben die Uniklinik Köln und ihre Tochterunternehmen einen hohen Bedarf an spezialisierten Fachkräften. Unsere Übernahmequote liegt bei fast 90 Prozent, und wir versuchen, jedem Absolventen eine Stelle zu vermitteln, die zu seinen Interessen und Stärken passt. Deshalb machen wir unsere Auszubildenden auch früh mit möglichen Karrierewegen vertraut. Gerade in der Pflege gibt es zahlreiche Weiterbildungen, etwa in der Intensivpflege und Anästhesie, aber auch andere Spezialisierungen. Dazu kommen akademische Bildungswege.
Wie stellen Sie sicher, dass die Auszubildenden in einem so großen Betrieb nicht verloren gehen?
PETRI: Als übergeordnetes Aus- und Weiterbildungszentrum findet sich bei uns alles unter einem Dach. Unsere Schulleitungen, Lehrkräfte und Praxisanleitenden stehen in engem Austausch und entwickeln gemeinsam Lehrkonzepte. Jeder Auszubildende bekommt zum Start außerdem einen Dreijahresplan mit den vorgesehenen Praxiseinsätzen. Das gibt von Anfang an Orientierung, und auch die Leitungen der Stationen und Bereiche können sich frühzeitig darauf einstellen. Die jeweiligen Schul- und Kursleitungen sind während der gesamten Ausbildungszeit feste Ansprechpartner – unabhängig davon, wo im Haus die Auszubildenden gerade eingesetzt werden.
Was erwarten junge Menschen heute von ihrem Ausbildungsbetrieb, was vor zehn oder 20 Jahren noch keine so große Rolle gespielt hat?
PETRI: Eine enge und individuelle Begleitung ist ihnen wichtig, aber auch die Möglichkeit, bei der Gestaltung der Ausbildung mitzureden. Gleichzeitig sind moderne Lernformate gefragt, etwa Apps oder Simulationen per Virtual Reality. Themen wie Nachhaltigkeit und Diversität spielen ebenfalls eine Rolle. Dafür bieten wir entsprechende Projekte und Kooperationen an.
HAUSER: Wir haben außerdem gemerkt, dass junge Menschen nicht nur fachliche Unterstützung brauchen. Deshalb haben wir Anfang 2025 eine Sozialarbeiterin eingestellt, die den Auszubildenden bei Sorgen und Problemen zur Seite steht. Sie berät zum Beispiel bei psychischen Belastungen, Prüfungsängsten, zu Finanzen oder Behördengängen und vermittelt bei Bedarf an geeignete Stellen innerhalb der Uniklinik. Die Beratung ist vertraulich und auf Wunsch anonym. Dass das Angebot täglich genutzt wird, zeigt uns, wie groß der Bedarf ist.
Wie schaffen Sie es, jedes Jahr die große Zahl an Ausbildungsplätzen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen?
PETRI: Das ist definitiv eine Herausforderung. Allein in der Pflege geht es um mehr als 200 Plätze pro Jahr. Ein Erfolgsfaktor ist unser schulinternes Recruitingteam. Die Kollegen kommen selbst aus der Pflege und können den Bewerbern deshalb sehr konkret vermitteln, was sie in der Ausbildung und später im Beruf erwartet. Wichtig ist außerdem, dass wir für unsere Zielgruppe auf verschiedenen Kanälen präsent sind. Auf Tiktok und Instagram kommen unsere Mitarbeiter selbst zu Wort und erzählen authentisch aus ihrem Arbeitsalltag.
HAUSER: Zugute kommt uns, dass Gesundheitsfachberufe derzeit auf großes Interesse stoßen. Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz und einer angespannten Wirtschaftslage suchen viele junge Menschen nach sinnstiftenden Berufen mit Entwicklungsmöglichkeiten und hoher Arbeitsplatzsicherheit. Was die Ausbildung an der Uniklinik zusätzlich attraktiv macht, ist die Verbindung von Medizin, Forschung und Lehre. Dadurch können wir neue Erkenntnisse direkt in die Ausbildung einfließen lassen.
Wie sieht das konkret aus?
HAUSER: Wir qualifizieren unsere Lehrkräfte kontinuierlich und entwickeln gemeinsam neue Lehrkonzepte, etwa für den Umgang mit KI. Einige Lehrkräfte haben beispielsweise eigene kleine Chatbots für ihren Unterricht entwickelt. Andere nutzen unser Podcast-Studio, um Lerninhalte als Audio aufzubereiten, die Auszubildende dann in ihrem eigenen Tempo bearbeiten können.
PETRI: Ein weiteres Beispiel ist das VR-gestützte Training von Notfallszenarien am Center for Medical Innovation and Technology Cologne. Hier können Pflegeauszubildende, Medizinstudenten und Ärzte gemeinsam Notfallsituationen trainieren. Ziel ist es, Pflege und Medizin bereits in der Ausbildung zusammenzubringen. Das Entscheidende dabei ist, dass die Virtual-Reality-Simulationen bei uns kein spektakuläres Einzelprojekt sind, sondern inzwischen fester Bestandteil des Curriculums in der Pflegeausbildung. Ähnlich praxisnah geht es in unserem SkillsLab zu: Neben Notfall- und Schockräumen steht hier ein fast echter OP-Saal für Simulationen zur Verfügung. Bei Bedarf kommen außerdem Schauspieler zum Einsatz, die die Rolle von Patienten übernehmen.
Die Republikaner könnten bei den Kongresswahlen die Mehrheit in beiden Häusern verlieren. Was das bedeutet, erklärt der Washingtoner Experte Peter Sparding
Wir haben gelernt, Wahlumfragen in den USA gegenüber skeptisch zu sein. Trotzdem die Frage: Wie ist die Ausgangslage vor den Midterms?
PETER SPARDING: Die Skepsis gegenüber den Umfragen schwingt natürlich auch hier mit. Vor allem bei den Demokraten, die da vielleicht etwas traumatisiert sind von 2016 oder 2024. Aber wir haben nur diese Umfragen. Und da ist die Lage so: Es gehen eigentlich alle davon aus, dass die Demokraten im Repräsentantenhaus die Mehrheit übernehmen werden. Das gilt als ziemlich sicher.
Und im Senat?
Im Senat ist die Lage ein bisschen anders, da steht ja nur ein Drittel der Senatoren zur Wahl, weshalb es mehr auf die betroffenen Staaten ankommt. Wenn man die jetzigen Umfragen nimmt, haben die Demokraten auch im Senat eine gute Chance. Das liegt zwischen 60 und 75 Prozent. Zum Vergleich allerdings: Das ist ungefähr der Wert, der auch 2016 für die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Raum stand. Das ist also keine sichere Sache.
Was ist aus Ihrer Sicht das entscheidende Thema in diesem Wahlkampf?
Das wichtigste Thema ist Donald Trump selbst. Die demokratische Basis ist hoch motiviert, ein Zeichen gegen den Präsidenten zu setzen. Darüber hinaus spielen sicher die Lebenshaltungskosten eine entscheidende Rolle. Da geht es um Zölle und den Krieg im Iran. Und beide Entscheidungen haben sich stark auf die Preissteigerung ausgewirkt. Das ist sichtbar und lässt sich schwer kaschieren.
Wird die Inflation Trump direkt zugerechnet?
Ja, es gibt Umfragen, die das andeuten. Natürlich werden steigende Lebenshaltungskosten immer der regierenden Partei angelastet, egal woran es liegen mag. Aber in diesem Fall ist die Entwicklung wie beim Benzinpreis direkt mit Entscheidungen des Präsidenten verknüpfbar.
Was würde es bedeuten, wenn die Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat die Mehrheit stellen? Donald Trump kann doch trotzdem seine politische Agenda vorantreiben, oder?
Das US-System ist so aufgebaut, dass die verschiedenen Institutionen sich gegenseitig kontrollieren – oder behindern, was in diesem Fall meine Vorhersage wäre. Es käme eher zu einem Stillstand als zu einer Neuausrichtung der Politik.
Hören Sie in der neuen Folge von „Capital – der Wirtschaftspodcast“
- Wie die Wirtschaftslage insgesamt in den USA ist
- Inwieweit eine demokratische Kongressmehrheit gegen die Zollpolitik vorgehen könnte
- Ob das deutsch-amerikanische Verhältnis noch reparabel ist
Der Anleger-Musterprozess zum Milliardenbetrug bei Wirecard stand lange praktisch still. Eine neue Entscheidung des BGH zeigt: Die geprellten Aktionäre haben von der trägen Justiz nicht viel zu erwarten
Um den Wirecard-Skandal, immerhin der größte Betrugsfall in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, ist es in den vergangenen Monaten sehr still geworden. Die Aufarbeitung vor Gericht schleppt sich dahin, viele haben abgeschaltet.
Diese Woche aber kamen gleich zwei Lebenszeichen, die an den immer noch nicht wirklich aufgearbeiteten Milliardenkrimi erinnern. Aus der Untersuchungshaft in der JVA Stadelheim meldete sich Ex-Wirecard-Chef Markus Braun in einem „Spiegel“-Interview zu Wort und gab Einblicke in sein Leben im Gefängnis – wohl auch mit Blick auf das sich nähernde Urteil in seinem Strafverfahren, das seit Ende 2022 läuft.
Am gleichen Tag wurde auch eine wichtige Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) bekannt. Sie betrifft das zivilrechtliche Musterverfahren, dem sich Tausende frühere Wirecard-Aktionäre angeschlossen haben – in der Hoffnung, zumindest einen Teil ihres Geldes zurückzuholen.
Schlechte Nachricht für Wirecard-Aktionäre
Für die Anleger, die bei Wirecard um Milliarden gebracht worden sind, ist die Entscheidung aus Karlsruhe eine bittere Nachricht. Denn sie bedeutet, dass bei ihren Klagen gegen Wirecards Abschlussprüfer EY viel Zeit vertändelt worden ist.
Wie der Bundesgerichtshof entschieden hat, fallen Testate von Prüfern nicht unter das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz in jener Fassung, wie sie bei der Wirecard-Pleite 2020 galt – weil es sich bei diesen nach damaligem Stand nicht um Kapitalmarktinformationen handele. Die Folge: Die geprellten Aktionäre können ihre Ansprüche gegen EY nicht mehr in dem Sammelprozess vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht geltend machen. Dort kann es fortan nur noch um Ansprüche gegen Braun und weitere Ex-Wirecard-Topmanager gehen, bei denen jedoch wenig Geld zu holen ist.
Was die Klagen gegen den finanziell weitaus potenteren Abschlussprüfer EY angeht, kommt es nun dagegen zu einer Rolle rückwärts. Hier müssen die Wirecard-Einzelverfahren, die nach der Pleite 2020 vor dem Landgericht München I begonnen wurden, wieder aufgenommen werden. Mehr als 9.000 Klagen waren ab Frühjahr 2022 ausgesetzt worden, weil das große Musterverfahren eingeleitet wurde – in dem es bis dato aber nur um Formalitäten ging. Für die Anleger waren es also vier verlorene Jahre. Dagegen profitieren andere von dem langwierigen Hin und Her: der beklagte Prüfkonzern EY, der sich zwischenzeitlich umstrukturierte – und die Scharen an Anwälten auf allen Seiten.
Versagen der Institutionen setzt sich fort
Schon in den Jahren vor der Insolvenz, als sich die Hinweise auf krumme Geschäfte bei dem Aschheimer Dax-Konzern mehrten, haben sämtliche staatlichen Institutionen versagt: von der Finanzaufsicht bis zur Staatsanwaltschaft. Bei der juristischen Aufarbeitung des Milliardendebakels setzt sich das Versagen nun fort – in einem Maße, das das Vertrauen der Geschädigten in den Rechtsstaat untergraben kann.
Natürlich können Gerichte in komplexen Wirtschaftsverfahren wie Wirecard nicht innerhalb weniger Monate über mögliche Gefängnisstrafen oder Milliardenzahlungen entscheiden. Doch insbesondere die zivilrechtliche Aufarbeitung hat sich bislang als vollkommen dysfunktional erwiesen.
Allein die Prüfung beim Bundesgerichtshof, ob ein Testat unter das Musterverfahrensgesetz fällt, schleppte sich auch dank einer bemerkenswert hohen Zahl an Fristverlängerungen, die der zuständige Richter verfügte, seit Frühjahr 2025 dahin – während der Richter großen Eifer an den Tag legte, den Staatsschutz gegen einen Anlegeranwalt einzuschalten.
Wenn erst sechs Jahre nach der Wirecard-Pleite rechtskräftig geklärt ist, welches Gericht für Aktionärsklagen gegen den Abschlussprüfer überhaupt zuständig ist, stimmt etwas nicht im System.
Posse um Gerichtspräsidenten
Im Fall Wirecard kommt noch etwas hinzu, was die Aufarbeitung zusätzlich hemmt – und wofür die bayerische Staatsregierung die Verantwortung trägt. Während des laufenden Musterprozesses ging die Präsidentin des Bayerischen Obersten Landesgerichts in den Ruhestand. Bei ihrem Nachfolger, der von ihr auch den Vorsitz im Wirecard-Verfahren übernahm, handelt es sich um einen ehemaligen Münchner Generalstaatsanwalt, der in seiner früheren Funktion am Rande auch mit den Wirecard-Ermittlungen zu tun hatte.
Nach seiner Ernennung durch die Staatsregierung wies der neue Gerichtspräsident selbst auf eine mögliche Befangenheit im Fall Wirecard hin. Daraufhin führten seine untergebenen Kollegen eine Prüfung durch. Diese kamen zwar wenig überraschend zu dem Schluss, dass ihr neuer Chef bei Wirecard nicht befangen sei. Während die Prüfung lief, stand aber im Musterverfahren über Monate praktisch alles still. Politische Personalentscheidungen und Vorgänge wie diese erwecken den Eindruck, dass das Schneckentempo im Prozess nicht allein darauf zurückgeht, dass die Justiz überlastet und mit dem komplexen Fall überfordert ist.
Als mahnendes Beispiel, wie die Rechtsfindung für Privataktionäre in Deutschland nicht funktionieren darf, gilt bisher stets das Musterverfahren um den Börsengang der Deutschen Telekom. Dieses dauerte fast 20 Jahre, viele ältere Anleger erlebten das Ende nicht mehr, weil sie vorher verstarben. Damals war man sich auch in der Politik einig, dass sich ein solches Debakel nicht wiederholen darf.
Auch Aktionäre von Wirecard, die durch den Betrug viel Geld verloren haben, haben selbstverständlich keinen Anspruch auf ein Urteil zu ihren Gunsten. Aber sie haben einen Anspruch darauf, dass ihre Klagen nicht in den Mühlen der Justiz hängen bleiben und erst nach halben Ewigkeiten entschieden werden. Aus dem Fall Wirecard ist längst auch eine Bewährungsprobe für den Rechtsstaat geworden.
Apple hat den iPod längst eingestellt, doch gebraucht ist er gefragt wie lange nicht. Warum ein Gerät, das nur Musik kann, gerade jetzt wieder reizt
Als der damalige Apple-Chef Steve Jobs am 23. Oktober 2001 in Cupertino vor sein Publikum trat, trug er wie so oft einen schwarzen Rollkragenpullover und Jeans. Bevor er das neue Gerät zeigte, verglich er es mit etwas, das jeder kannte: Der iPod sei „so groß wie ein Kartenspiel“, sagte Jobs, kaum dicker und leichter als die meisten Handys, die seine Zuhörer damals in der Tasche trugen. Dann holte er ihn hervor und versprach dem Publikum, mit dem neuen Gerät könne jeder 1000 Songs in der Hosentasche tragen.
Ich war damals zwei Jahre alt, und es gibt keinen Moment, an den ich mich bewusst erinnere, in dem es den iPod nicht gab. Man könnte sagen, ich gehöre zur Generation iPod. Heute wird er 25, doch erleben kann er das eigentlich nicht mehr.
Im Mai 2022 hat Apple das letzte Modell eingestellt, den iPod touch der siebten Generation. Mein eigener iPod touch, die fünfte Generation, liegt trotzdem noch bei mir. Er funktioniert und auf ihm sind noch immer die Songs, die ich mir damals gekauft habe. Gerade überlege ich sogar, wieder neue Musik darauf zu laden.
Wie der iPod überflüssig wurde
Mit dem iPod hatte Apple damals dabei nichts Neues erfunden. Tragbare Musik gab es seit dem Walkman von 1979, später kamen der Discman und ab 1998 die ersten MP3-Player. Apple hat vor allem ein Geschäftsmodell gebaut: Ab 2003 kostete ein Song im iTunes Store 99 Cent. Wer ihn kaufte, blieb an Apples Programm und Apples Geräte gebunden. Rund 450 Millionen iPods hat der Konzern verkauft, bevor er ihn selbst überflüssig machte.
2007 kam das iPhone, das alles konnte, was der iPod konnte und noch vieles mehr. Der iPod classic verschwand 2014, Nano und Shuffle folgten 2017, nur der touch hielt noch ein paar Jahre länger durch. Steve Jobs hat das Ende nicht mehr erlebt, er war bereits 2011 gestorben.
Fake-iPod
Ich hatte auch einen Nano, allerdings keinen echten. Ich habe ihn 2012 für umgerechnet rund 20 Euro auf einem Markt in Casablanca gekauft. Dass er nicht von Apple stammte, war mir ziemlich egal. Er sah aus wie einer und funktionierte auch so. Heute liegt er irgendwo in einer Schublade, denn irgendwann bin ich auf den iPod touch meines Vaters umgestiegen. 2018 hat er ihn mir ganz überlassen, und damals lief er zuverlässiger als mein iPhone. Eigentlich war der touch schon ein iPhone ohne Telefon.
Seit Apple ihn nicht mehr mit Updates versorgt, ist seine Software allerdings eingefroren. Ins WLAN kommt er noch, neue Apps kann ich im App Store aber nicht mehr herunterladen. Er ist außerdem das letzte Gerät in meiner Tasche, in das meine alten Kopfhörer mit Klinke passen. Nach all den Jahren hatte ich ihm nicht viel zugetraut. Inzwischen läuft er einen ganzen Tag, und damit hält sein Akku ungefähr so lange wie der meines iPhones.
Nur ist er offline, sobald ich das Haus verlasse. Das ist der Grund, warum ich ihn heute wieder so mag. Beim Joggen bin ich endlich wieder alleine mit meiner Musik. Eigentlich ist mir selbst sein Bildschirm schon zu viel. Würde ich mir noch einmal einen iPod kaufen, wäre es wahrscheinlich ein Shuffle, der ganz ohne Display auskommt. Auf Gebrauchtportalen finde ich angeblich gut erhaltene Exemplare schon für rund 30 Euro. Für ein bisschen bildschirmfreie Zeit nach der Arbeit ist das kein schlechter Preis.
Eine Zeitreise
Musik hatte damals einen Preis, und genau das gab ihr einen Wert. Verhaltensökonomen nennen das den Endowment- oder Besitzeffekt: Was uns gehört, schätzen wir höher als das, was wir nur nutzen.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich morgens aufgewacht bin und überlegt habe, welchen Song ich mir heute herunterlade. Wer mir zum Geburtstag eine Freude machen wollte, schenkte mir CDs, deren Tracks ich anschließend auf den Computer zog, oder iTunes-Karten, mit denen ich neue Songs kaufen konnte. Als Belohnung hat mir mein Vater einmal „Dynamite“ von Taio Cruz heruntergeladen, und ich habe den Song wochenlang rauf und runter gehört. Mit meinem ersten Streaming-Abo ist dieses Gefühl abgestumpft. Manchmal habe ich nicht einmal Lust auf meine eigene Playlist, weil ich die Songs darauf nie sammeln musste. Sie sind einfach immer verfügbar.
Wenn ich meinen iPod touch heute anschalte, ist das wie eine Zeitreise in die Jahre 2012 und 2013, zu The Lumineers, Macklemore und Alicia Keys. Dazwischen finde ich Songs von den Spice Girls, die ich mir damals selbst gekauft habe, obwohl ihre großen Hits älter sind als ich. Nostalgisch für eine Zeit zu sein, die man gar nicht erlebt hat, konnte ich also schon mit 13.
Comeback des Apple-Klassikers
Damit bin ich offenbar nicht allein. Die Plattform Back Market, die generalüberholte Elektronik verkauft, hat 2025 nach eigenen Angaben gegenüber der Nachrichtenagentur AP 48 Prozent mehr iPods verkauft als im Vorjahr. Auf eBay stiegen die Suchanfragen nach dem iPod classic von Januar bis Oktober 2025 um 25 Prozent, nach dem Nano um 20 Prozent, wie das US-Portal Axios unter Berufung auf eBay-Daten berichtete.
Auch die Preise ziehen an: Laut eBay kostet ein gebrauchter Nano der dritten Generation heute über 60 Prozent mehr als 2023. In den USA hat das Phänomen schon einen Namen. Junge Menschen nehmen bewusst etwas Umstand in Kauf, statt sich vom Algorithmus bedienen zu lassen, und das Meinungsforschungsinstitut The Harris Poll spricht von „Friction-maxxing“.
Steve Jobs hat den iPod einst mit einem Kartenspiel verglichen. Auf den Tag genau, 25 Jahre später liefert Apple das iPhone Duo aus, ein Telefon, das man zusammenfalten muss, damit es überhaupt noch in die Tasche passt. In meiner Tasche liegen dagegen seit einiger Zeit wieder Spielkarten und daneben wird jetzt öfter mein iPod liegen. Die 1000 Songs, die Jobs versprochen hat, habe ich nie zusammenbekommen. Aber mal sehen, wie weit ich komme, wenn ich mir jeden Song wieder selbst aussuche.
Deutschland ist abhängig von Medikamentenimporten. Die Lösung soll die Produktion vor Ort sein. In Frankfurt a. M. investiert Sanofi 2 Mrd. Euro in eine Insulinfabrik – andere Konzerne sind zurückhaltender
Deutschland ist abhängig von Medikamentenimporten. Die Lösung soll die Produktion vor Ort sein. In Frankfurt a. M. investiert Sanofi 2 Mrd. Euro in eine Insulinfabrik – andere Konzerne sind zurückhaltender
Gleisbau-Ausbildung bei Spitzke: Das Unternehmen bildet rund 300 Azubis zu Fachkräften aus und wirbt an Schulen um Nachwuchs – ein Azubi berichtet über seinen Arbeitsalltag und seine Zukunftspläne
„Wer eine Simson fährt“, sagt Phillip Braune, „muss sich selbst zu helfen wissen.“ Die Kult-Zweitakter aus der DDR gelten als robust, aber wartungsintensiv. Mit 14 Jahren bekam Braune sein Moped und musste lernen, es fahrtüchtig zu halten. „Ich habe mir alles selbst beigebracht, Bohren, Sägen, Feilen“, sagt er. Dabei entdeckte er seine Begeisterung fürs Schrauben.
Mittlerweile schraubt der 19-Jährige nicht mehr nur an seinem Moped, sondern an Gleisbaumaschinen. Braune ist angehender Industriemechaniker beim Bahninfrastrukturunternehmen Spitzke aus Großbeeren. Vor Kurzem hat er sein zweites Lehrjahr angefangen. An diesem Septembertag ist Braune zum Baustellenbesuch nach Neubrandenburg gekommen, wo Spitzke den Gleisschotter reinigt und neu verdichtet.
Im Hintergrund kriecht RPM-RS-900 in Schrittgeschwindigkeit über die Schiene, ein 200 Meter langer Gleisumbauzug mit gelben Wagen. Bei Spitzke haben sie ihn „Katharina die Große“ getauft. „Katharina“ wird derzeit oft gebucht. Es sind gute Zeiten für Gleisbauunternehmen. Das deutsche Schienennetz ist berüchtigt marode. 81 Mrd. Euro will die Bundesregierung bis 2029 in die Schiene investieren. Das füllt bei Spitzke die Auftragsbücher.
Auf der Baustelle in Neubrandenburg ist es dröhnend laut. Überall rüttelt, röhrt und bläst es. Eine Kette schaufelt die Steine unter den Schienen auf Förderbänder in den Zug hinein. Dort werden sie von Schmutz und Dreck befreit und ihre Kanten geschärft. Ein paar Meter hinter der Kette poltert der aufbereitete Schotter zurück ins Gleis, ehe er von krallenartigen Stampfern festgepresst wird. Die nächsten 30 Jahre sollen die Steine die Schienen in der Spur halten.
Die Schwerstarbeit erledigen Maschinen. Ohne Menschen läuft im Gleisbau aber nichts. Auf der Baustelle in Neubrandenburg, einem überschaubaren Projekt, tummeln sich 25 Arbeiter um „Katharina die Große“. Sie überwachen die Zugabschnitte, melden Störungen oder Verzögerungen, steuern Maschinen und Ketten. Allein mit der Aufsicht der Schotterförderbänder sind drei Leute befasst.
Spitzke bildet fast alle seine Berufsprofile selbst aus
Um auch künftig genügend Personal zu haben, bildet Spitzke fleißig aus. Unter den 2900 Beschäftigten sind rund 300 Auszubildende oder dual Studierende; vor fünf Jahren waren es noch 226. Spitzke bildet fast alle seine Berufsprofile selbst aus. Mehr als 20 Ausbildungsberufe gibt es. Man kann etwa Beton- oder Gleisbauer werden, Bürokaufmann, Bauingenieurin und Industriemechaniker wie Phillip Braune. Wer es reinschafft, hat gute Chancen, danach bleiben zu können: Die Übernahmequoten lagen in den vergangenen Jahren bei um die 90 Prozent oder darüber.
„Die Berufsausbildung ist heute ein essenzieller Teil unserer Unternehmensstrategie“, sagt Jan-Niklas Krenzlin. Er leitet bei Spitzke den Bereich Ausbildung und Qualifizierung. Vor zwölf Jahren war er selbst Mechatronik-Auszubildender. Teile seiner Lehre musste er damals in Lernzentren außerhalb des Unternehmens absolvieren. „Heute lernen fast alle unsere Auszubildenden ausschließlich bei uns“, sagt er. Seit 2018 betreibt Spitzke in Großbeeren ein eigenes Ausbildungszentrum.
Auch eine eigene Weiterbildungsakademie hat das Unternehmen aufgebaut. Die Weiterbildung spiele nach dem Berufseinstieg eine wichtige Rolle, sagt Krenzlin. „Wir entwickeln gezielt junge Menschen.“ Bis zu acht Jahre könnten einzelne Weiterbildungswege dauern. Künftig würden etwa neue Projektleiter gebraucht. „Die gewinnt man am besten aus den eigenen Reihen, weil sie die Prozesse kennen müssen.“ Auch Auszubildenden stehe dieser Weg offen. „Bei uns gilt: Jeder kann alles werden.“
Es gab Zeiten, da kamen die Fachkräfte von allein, Spitzke musste nur die besten von ihnen auswählen. So würden das dienstältere Kollegen zuweilen noch erzählen, sagt Krenzlin. Lange her. Der Fachkräftemangel und die alternde Gesellschaft verschonen auch Großbeeren nicht.
Deshalb geht Spitzke mittlerweile selbst auf den Nachwuchs zu und wirbt in Berlin und Brandenburg an zwölf Schulen um Auszubildende und Studierende. Seit zwei Jahren bietet Spitzke außerdem ein Schnuppercamp für Schüler an. „Der Aufwand ist heute ein anderer als vor zehn Jahren“, sagt Krenzlin. Die Maßnahmen seien „ein großer Erfolg“. In diesem Jahr hätten sie sogar ein paar mehr Auszubildende als geplant eingestellt, „weil wir so gute Bewerberinnen und Bewerber hatten“.
Dabei hilft ein unkonventionelles Bewerbungsverfahren: Einmal im Jahr lädt Spitzke zum „Matching Day“ auf sein Firmengelände, wo sich Berufsinteressierte ohne Einladung vorstellen können. Auch Phillip Braune kam so zu seiner Ausbildungsstelle. Nach einem ersten Kontakt auf einer Berufsmesse brachte er zum „Matching Day“ seine Bewerbungsunterlagen mit. „Und dann habe ich noch vor Ort meinen Vertrag unterschrieben.“
Die ersten Monate verbrachte er im firmeninternen Ausbildungszentrum. Dort lernte er, Baupläne zu lesen, und verfeinerte seine Feiltechniken. Zuletzt arbeitete Braune überwiegend in der Instandhaltungshalle in Großbeeren, mit Stoßkappe auf dem Kopf und im Blaumann. In der Halle wartet und repariert er die Gleisbaumaschinen zwischen ihren Einsätzen, reinigt Bauteile, tauscht Zylinderdichtungen oder ersetzt Hydraulikschläuche, die sich gerne mal aufreiben.
Er kann sich noch gut an den ersten Tag im Werk erinnern. „Das war krass. Man blickt in diese 200 Meter lange, endlos hohe Halle, sieht die Kräne an der Decke, die die Maschinen und Bauteile heben. Solche Dimensionen kannte ich nicht.“
In den Schulferien half er früher im Gerüstbaubetrieb seines Großvaters. Auf den Baustellen habe er gelernt, „dass man sich reinhängen muss, um etwas zu schaffen“. Er nennt das „Arbeitsleidenschaft“. Man könnte auch sagen: Malochermentalität. Die hilft ihm jetzt, denn der Job verlangt körperlich einiges ab. Baustellentage dauern für Ausgelernte schon mal zwölf Stunden, und auch im Werk wird es manchmal anstrengend. Neulich habe er die Besenwelle an einer Planiermaschine reparieren müssen. „Die wiegt zwei-, dreihundert Kilo“, sagt Braune. „Wenn man die bewegt, kommt man ins Schwitzen.“
Derzeit lerne er jeden Tag was Neues. Da sind die ganzen Spezialwerkzeuge, die verschiedenen Maschinen mit ihren zahlreichen Bauteilen. „Für jedes Teil gibt es Tricks, wie man am schnellsten zum Ziel kommt.“ Neulich hatte er seinen ersten längeren Einsatz auf der Baustelle. Fünf Tage am Gleis, „viel zuschauen, lernen, verstehen“, so fasst er das zusammen. Im zweiten Lehrjahr sollen weitere Einsätze folgen, bei denen er mehr Verantwortung übernimmt.
Nach der Ausbildung würde er gerne bei Spitzke bleiben. Was dann kommt? „Naheliegend wäre, mich zum Triebfahrzeugführer weiterzubilden“, sagt er. Dann könnte er „Katharina die Große“ bald selbst steuern.
Die Deutschen sparen viel, doch ihr Geld arbeitet kaum. Beim Vermögensaufbaugipfel von Capital und ntv erklärt Ökonom Jörg Rocholl, wie sich das durch Reformen ändern ließe
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Bei VW wird noch nicht verhandelt, doch der Konflikt gewinnt an Schärfe. Erneut sitzen sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter gegenüber. Worum es geht – und worum nicht
Vor knapp zwei Jahren hat Volkswagen seiner Belegschaft ein Versprechen gegeben. Keine betriebsbedingten Kündigungen, keine Werkschließungen sowie Investitionen und neue Produkte für deutsche Standorte. Bezahlt haben die Beschäftigten mit gekürzten Boni und Zulagen, ausgesetzten Entgelterhöhungen und dem Abbau von 35.000 Jobs.
Die Lage in der Autoindustrie hat sich seitdem aber erheblich verschlechtert. Angesichts der neuen Sparpläne des VW-Managements um Konzernchef Oliver Blume fragen sich die Arbeitnehmer: Was sind diese Zusagen noch wert? Am 23. Oktober 2026 sitzen Unternehmen, IG Metall und Betriebsrat wieder an einem Tisch. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Worum geht es?
Es ist das zweite Gespräch in diesem Format. Wichtig ist: Es handelt sich nicht um Verhandlungen, sondern um eine Überprüfung des Zukunftstarifvertrags 2024. Voraussetzung ist, dass sich wesentliche Rahmenbedingungen der Einigung nach Auffassung einer Tarifpartei verändert haben. Die Regelung ermöglicht also beiden Seiten, das Gegenüber zu Gesprächen zu zwingen.
Die Arbeitnehmer hatten die Klausel Mitte September gezogen – und nach den Sparbeschlüssen des VW-Aufsichtsrats Klarheit darüber verlangt, ob und wie VW die Zusagen aus dem hart erkämpften Abschluss einhält. Das Management hatte im Gegenzug ebenfalls ein Gespräch beantragt, um darzulegen, weshalb die damals vereinbarten Einsparungen nicht mehr ausreichen.
Was hat das erste Gespräch ergeben?
Wenig. Das Unternehmen hat nach Gewerkschaftsangaben erhebliche Zweifel daran angemeldet, die im Abschluss von 2024 vereinbarten Investitionen in neue Modelle und Werke wie zugesagt umsetzen zu können. Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger sagte danach, man sei enttäuscht und wütend. Die Gewerkschaft erwartet nun Antworten auf einen Fragenkatalog.
Der Personalvorstand der Kernmarke VW, Arne Meiswinkel, hatte die Vorwürfe damals zurückgewiesen: „Volkswagen hält sich an Verträge.“ Ziel ist demnach, die bisher vereinbarten Maßnahmen konsequent umzusetzen und alle weiteren Möglichkeiten eines sozialverträglichen Personalabbaus auszuschöpfen.
Was hat das mit der anstehenden Tarifrunde zu tun?
Zunächst nichts. Die Entwicklungen überlagern sich aber teilweise. Bereits am 23. September hatte die Gewerkschaft für die VW-Beschäftigten fünf Prozent mehr Geld gefordert. Das Unternehmen kündigte wiederum nach dem ersten sogenannten Überprüfungsgespräch eine ganze Reihe von Tarifverträgen.
Welche Tarifverträge wurden gekündigt?
Insgesamt wurden zehn Verträge zum 31. Dezember 2026 vollständig oder zum Teil gekündigt – darunter der Manteltarifvertrag, der unter anderem Arbeitszeit und Urlaub umfasst. Andere Verträge regeln beispielsweise die Eingruppierung in Entgeltgruppen sowie Zulagen. Nicht sämtliche darin enthaltene Regelungen fallen aber unmittelbar weg.
Konkret betroffen sind die Beschäftigten der Volkswagen AG in Deutschland. Dazu zählen die Volkswagen-Pkw und -Nutzfahrzeuge, die Komponentensparte und Konzernbereiche. Der Haustarif gilt für rund 130.000 Menschen.
Was will Volkswagen erreichen?
VW will seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Kosten senken. Aus Sicht des Unternehmens seien verschiedene Regelungen in den Verträgen mit Blick auf den aktuellen Kostendruck anzupassen, hieß es.
Das wirtschaftliche Umfeld hat sich laut Meiswinkel für die Branche und damit auch für VW gravierend verschärft. „Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa“, teilte er mit. Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan müssen ihm zufolge schnell und konsequent umgesetzt werden.
Was ist der Zukunftsplan 2030?
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat sich angesichts der Probleme Anfang September auf diesen Plan des Vorstands geeinigt. Dieser soll VW deutlich profitabler machen. Das Management hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Das Ziel: Bis 2030 sollen von 100 Euro Umsatz neun Euro operativer Gewinn bleiben. Zuletzt waren es 3,80 Euro.
Weltweit will der Vorstand in den nächsten Jahren unter anderem 50.000 Jobs streichen – zusätzlich zu bisherigen Abbauprogrammen. Die Marken sollen das ausplanen. Die Hälfte könnte auf Deutschland entfallen. Darüber hinaus ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen.
Droht eine Mega-Verhandlungsrunde?
Möglicherweise. Die Kündigung der Tarifverträge soll nach Konzernangaben einen Verhandlungsraum öffnen. Dort dürften auch die Sparmaßnahmen des Zukunftsplans auf den Tisch kommen. Welche Änderungen an den Verträgen Volkswagen konkret erreichen will, ist bislang aber offen.
Zugleich fordert die IG Metall mehr Geld. Es gilt als unwahrscheinlich, dass all diese Stränge separat verhandelt werden. Und auch die Zukunft der bedrohten VW-Werke dürften die Verhandler nicht ausklammern können. Die Gespräche müssen spätestens Anfang Dezember beginnen.
Stehen bei VW bald die Bänder still?
Zunächst nicht. Im Gegensatz zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie endet die Friedenspflicht bei VW erst am 31. Dezember. Danach sind Ausstände möglich – und nicht unwahrscheinlich.
In den Kündigungen sieht Gröger einen tiefen Bruch mit der VW-Kultur und eine Kampfansage an die Belegschaft. Betriebsratschefin Daniela Cavallo rechnete mit einer „heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel“.
