Capital Wirtschaftsnachrichten
Deutsche Unternehmen horten so viel Geld bei Banken wie nie: Fast 900 Milliarden Euro liegen inzwischen auf Konten, zeigt eine Auswertung. Doch die Verzinsung ist mager – mit Folgen für die Wirtschaft
Der Forderungskatalog an das schwarz-rote Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war lang: Ein günstigerer Industriestrompreis, Steuernachlässe und weniger Bürokratie sollten der deutschen Wirtschaft endlich wieder Schwung verleihen. Doch knapp anderthalb Jahre nach dem Regierungswechsel fällt die Bilanz ernüchternd aus.
Die Bundesregierung erwartet für dieses Jahr nur noch 0,5 Prozent Wachstum, halb so viel wie zu Jahresbeginn. Wobei diese Prognose aus dem Frühjahr stammt und manche Institute inzwischen eher von einem Wachstum knapp über einem Prozent ausgehen. An den Problemen ändert das aber wenig: Wirtschaftsverbände beklagen einen Reformstau, und nach der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wächst auch politisch der Druck auf die schwarz-rote Koalition, bei den angekündigten Reformen endlich voranzukommen.
Riesige Zinslücke im Mittelstand
Zumindest an einer Stelle könnten sich viele Unternehmen allerdings kurzfristig selbst helfen. Und zwar, indem sie einen Blick auf ihr Tagesgeldkonto werfen, und die Konditionen vergleichen. Denn deutsche Unternehmen halten derzeit enorme Geldreserven – bekommen dafür aber vergleichsweise wenig Zinsen. Insgesamt lagen im August rund 873 Mrd. Euro auf Bankkonten, wie aus einer aktuellen Erhebung des Finanz-Start-ups Unitplus hervorgeht. Allein 263 Mrd. Euro davon steckten auf Tagesgeldkonten.
Dort erhalten Unternehmen derzeit im Schnitt lediglich 1,42 Prozent Zinsen. Zum Vergleich: Der kurzfristige Euro-Geldmarktzins liegt bei 2,19 Prozent. Nach Berechnungen von Unitplus entgehen deutschen Unternehmen durch diese Zinslücke mehr als zwei Mrd. Euro an möglichen Zinserträgen pro Jahr.
Die Zahlen ergeben sich aus dem sogenannten „Tagesgeld-Index“, den Unitplus zusammen mit der Finanzberatung Barkow Consulting erstellt. Er basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von rund 200 deutschen Banken. Dabei werden deren angebotene Tagesgeldzinsen für Unternehmen ausgewertet und täglich aktualisiert. So lässt sich ablesen, wie sich die Durchschnittszinsen im Firmenkundengeschäft entwickeln – und wie groß die Lücke zwischen Euro-Geldmarktzins und tatsächlicher Verzinsung für Unternehmen ist.
Barbestände auf Rekordhoch, Tagesgeld nicht
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die geringe Verzinsung, sondern auch die Höhe der Geldreserven. Gegenüber der letzten Erhebung im November 2025 ist die bei Banken geparkte Liquidität weiter gestiegen. Im vergangenen Jahr hatten Unitplus und Barkow noch rund 854 Mrd. Euro errechnet. Inzwischen sind es 873 Mrd. Euro.
Unitplus-Gründer Fabian Mohr sieht in den hohen Geldreserven auch ein Warnsignal für die Konjunktur. Die fast 900 Mrd. Euro auf Bankkonten verdeutlichten „die anhaltend hohe Unsicherheit im deutschen Mittelstand“, sagt Mohr. Viele Unternehmen hielten sich lieber alle Optionen offen, statt zu investieren. Zwar sei der hohe Anteil ungenutzter Liquidität auch auf die wirtschaftliche Vorsicht vieler Unternehmen zurückzuführen, etwa um zahlungsfähig zu bleiben.
Dadurch werde aber zugleich verhindert, dass Kapital produktiv eingesetzt werde: „Es könnte in Forschung und Entwicklung fließen, in Fuhrparks, neue Fabriken oder in Projekte für Künstliche Intelligenz“, sagt Mohr. Bereiche, die das Wachstum in der deutschen Wirtschaft beleben könnten. Gleichzeitig entstünden den Unternehmen durch Kaufkraftverluste und entgangene Zinserträge Schäden in Milliardenhöhe.
Für viele kleine und mittlere Unternehmen bleibt die Hausbank die erste Anlaufstelle, wenn es um ein Tagesgeldkonto geht. Doch gerade dort können die Zinsen niedriger als bei anderen Anbietern sein. Wer größere liquide Reserven hält, sollte deshalb die Konditionen regelmäßig vergleichen. Schon wenige Zehntelprozentpunkte Unterschied können bei hohen Beträgen erhebliche Summen ausmachen.
Die Chefin hat etwas zu kritisieren oder Sie müssen mit Ihrer Führungskraft über private Probleme sprechen? Das könnte schnell unangenehm werden. Mit der richtigen Haltung und Gesprächsführung lässt sich das verhindern
Unangenehme Situationen kommen im Berufsalltag immer wieder vor. Aber ein schwieriges Gespräch mit dem Chef oder der Chefin liegt vielen besonders im Magen. Allein der Gedanke daran kann schon Stress oder gar ein Gefühl der Ohnmacht auslösen. Egal, ob es um eigenes Fehlverhalten, Kritik an der Führungskraft, Konflikte im Team oder private Probleme geht, mit einer guten mentalen und argumentativen Vorbereitung können auch unangenehme Gespräche zum Erfolg werden.
Emotionen meist Grund für unangenehme Gespräche
Personalberater Maximilian Krüger ist in seinem Unternehmen selbst Führungskraft. Er sieht besonders drei klassische Fehler, die Mitarbeitende in schwierigen Gesprächen machen: Erstens würden viele mit aufgestauten Emotionen in das Gespräch gehen, was den Verlauf negativ beeinflussen könne. Seiner Erfahrung nach sind Emotionen der häufigste Grund für unangenehme Gespräche im Arbeitskontext. Zweitens hätten viele Angst, vollkommen ehrlich zu sein, und drittens würden viele Mitarbeitende das Gespräch nur aus ihrer eigenen Perspektive betrachten und sich nicht in die der Führungskraft hineinversetzen. Dabei sei der Perspektivwechsel wichtig, um eine gemeinsame Lösung für das Problem zu finden.
„In den meisten Fällen wird eine Lösung in einem Kompromiss liegen, der für beide Seiten gewinnbringend ist“, sagt er. „Ein Unternehmen profitiert am meisten, wenn seine Mitarbeitenden ihr volles Potenzial entfalten können – und genau das sollte auch das Ziel eines solchen Gesprächs sein.“
Allerdings würden viele bereits im Vorfeld eine Verteidigungshaltung einnehmen, womit das Problem beginne, sagt Coach Felicitas Kapp. „Das Gespräch fängt vor dem Gespräch an – mit der eigenen negativen Grundhaltung“, sagt sie. „Wenn man schon vorher denkt, dass das Gespräch bestimmt schlecht verlaufen wird, hat das unterbewusst sehr viele Auswirkungen, zum Beispiel auf unsere Körperhaltung und Stimme und darauf, welche Formulierungen wir wählen“, sagt sie. „Wir senden dem Gegenüber also unterbewusst schon das Signal, dass es ein schlechtes Gespräch wird.“
Souverän und selbstbewusst Gespräch führen
Für sie kommt es daher in der Vorbereitung auf das Gespräch vor allem darauf an, eine offene Haltung zu entwickeln und es als Chance zu betrachten, die eigene Position klar zu machen. „Wenn ich offen in das Gespräch gehe, bin ich insgesamt souveräner und selbstbewusster, ohne konfrontativ zu sein“, sagt sie. Zur Offenheit gehöre auch, das Gespräch als Hin und Her zu betrachten, statt unbedingt die eigene Meinung durchsetzen zu wollen. „In der Vorbereitung auf ein solches Gespräch, ist man oft die ganze Zeit nur bei sich selbst, aber in der Gesprächssituation geht es um beide Perspektiven. Die Strategie im Gespräch ist deshalb, aktiv zuzuhören statt nur selbst zu reden.“ Karrierecoach Sarika Kötter rät schlicht, auch damit zu rechnen, dass es unangenehm werden könnte. „Wenn man sich darauf einstellt, ist man besser geschützt.“
Auch Personalberater Krüger hält eine gute Vorbereitung für entscheidend, besonders wenn Mitarbeitende von sich aus das Gespräch suchen. „Führungskräfte haben klare Erwartungen an Mitarbeitende, die ein herausforderndes Thema ansprechen“, sagt Krüger. So sollten sie frühzeitig darüber kommunizieren und ihre persönlichen Befindlichkeiten außen vor lassen. Hilfreich sei, in der Vorbereitung auf das Gespräch selbst zu reflektieren: Woher kommen meine Emotionen? Liegen sie an einer falschen Erwartungshaltung oder basieren sie auf schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit?
Klare Struktur im Gespräch
Um das Gespräch selbst dann konstruktiv zu gestalten, sollten sich sowohl Angestellte als auch Führungskräfte an eine klare Struktur halten. „Zuerst das Problem benennen, dann die Auswirkungen schildern und schließlich Lösungsvorschläge präsentieren“, so Krüger. „Falls noch keine Lösung bekannt ist, kann das offen kommuniziert werden, damit im Gespräch gemeinsam danach gesucht werden kann.“ Wichtig sei, dass beide Seiten vor allem in der ersten Phase die „Ist-Situation“ wertfrei beschreiben. Als Mitarbeiter sollte man seinen Ausführungen selbst keine Wertung geben. „Sobald man eine Wertung ins Gespräch bringt, wird auch die Führungskraft aus ihrer Perspektive eine Wertung hinzufügen – und die objektive Analyse der Situation wird gestört“, sagt er.
Handelt es sich um ein Kritikgespräch, sollten Mitarbeitende die Führungskraft ausreden lassen, die Kritik erstmal ohne direkte Bewertung annehmen und nicht sofort eine Gegenargumentation starten. Wichtig sei aber nachzufragen, wenn etwas unklar ist. „Bevor ein Gespräch endet, sollte sichergestellt werden, dass Sender und Empfänger dieselbe Wahrnehmung der Kritik haben“, sagt Krüger. „Dieser ,Klarheitskreis’ hilft nicht nur der Führungskraft, die eigene Botschaft zu reflektieren, sondern stellt auch sicher, dass die Mitarbeitenden genau verstehen, was gemeint ist.“
Ich-Botschaften an Chefs formulieren
Um im Gespräch Selbstbewusstsein zu signalisieren, empfiehlt Kötter den Blickkontakt zu halten und aufrecht zu sitzen. Außerdem: „Ruhig bleiben und sich nicht provozieren lassen“, sagt sie zu Capital. „Dabei hilft es, tief durchzuatmen, mindestens fünfmal hintereinander, um nicht aus einer emotionalen ‚Aufwallung‘ heraus zu antworten.“ Hilfreich sei es auch, aus der Ich-Perspektive zu argumentieren, ein Element aus der gewaltfreien Kommunikation. Statt „Da haben Sie Unrecht“ etwa lieber „Das sehe ich anders“.
Auch Kapp empfiehlt Ich-Botschaften wie „Ich nehme wahr, dass“ oder „Für mich stellt sich das so dar“, denn gegen die könne niemand etwas sagen. So bleibe man bei der eigenen Wahrnehmung und greife nicht in den Bereich des anderen ein. Von genau zurecht gelegten Formulierungen hält sie jedoch wenig. „Wenn wir nur auswendig gelernte Sätze dahersagen, sind wir nicht authentisch und souverän. Das ist schwierig, weil unser Gegenüber das merkt.“
Transparenzhinweis: Dieser Text stammt aus dem Archiv und erschien erstmals im März 2025. Er wurde aktualisiert.
Die Shortlist ist da: Diese Marketingverantwortlichen haben am 15. Oktober 2026 die Chance auf Deutschlands wichtigste Auszeichnung für Chief Marketing Officers
Wer von den neun Nominierten „CMO of the Year“ 2026 wird, entscheidet eine 17-köpfige Jury, bestehend aus Mitgliedern des „CMO of the Year“-Council sowie ausgewählten Marketing- und Medienexperten aus Verlag, TV, Hochschule und Agentur. Bewertet werden die Kandidaten anhand von sieben Kriterien: Person, Erfolg, Innovationen, Kundenzentrierung, Purpose & Sustainability, Image sowie Internationalität. Die Auszeichnung wird am 15. Oktober 2026 bereits zum 13. Mal vergeben.
Die Gastgeber des „CMO of the Year“ Awards 2026 sind: Serviceplan Group, Republic, Ad Alliance, The Trade Desk, Samsung Ads, Snap, Salesforce, Contentful, Amazon Ads. Kooperationspartner sind Capital, ntv, Horizont, FAZ, University of St. Gallen.
Investor Thomas Oehl ordnet ein, welche Interessen der CIA-Fonds mit seiner Europa-Strategie verfolgt, wie viel Einfluss IQT durch Minibeteiligungen gewinnt, und wo europäische Wagniskapitalgeber dringend nachbessern müssen
In Anlehnung an den legendären Tüftler „Q“ aus den James-Bond-Filmen sichert der von US-Geheimdienstlern gegründete Risikokapitalgeber In-Q-Tel (IQT) den USA den Zugriff auf zukunftsweisende Technologien. Obwohl die Investitionen mit oft unter drei Millionen Dollar vergleichsweise klein ausfallen, bringt der Fonds ein mächtiges Pfund ein: den direkten Zugang zum US-Sicherheitsapparat und den dortigen Rüstungskäufern. Nach Erfolgsgeschichten wie Palantir und Anduril investiert IQT auch zunehmend in Europa – etwa beim Münchner Drohnenspezialisten Quantum Systems oder dem Berliner Kampfdrohnen-Startup Stark. Droht Europa damit der schleichende Abfluss strategischer Schlüsseltechnologien nach Washington?
Herr Oehl, IQT steigt oft mit kleinen Summen ein. Geht es dem CIA-Fonds bei Investments wie Quantum Systems um Finanzrendite oder primär um den Zugriff auf europäisches Know-how?
THOMAS OEHL: Der Auftrag von IQT ist es, weltweit die besten Technologien früh zu identifizieren, sie zu verstehen und für das US-Ökosystem zugänglich zu machen. Gleichzeitig öffnet IQT den Unternehmen den Zugang zum US-Ökosystem, zu relevanten Institutionen und potenziellen Kunden. Dabei ist IQT durchaus renditeorientiert. Ein Investment ist deshalb auch ein Frühindikator dafür, welche Technologien die amerikanischen Sicherheitsbehörden für relevant halten. Wir sind als Vsquared nicht in Quantum Systems investiert, daher können wir nicht über die finalen Details der Investition von IQT in Quantum Systems sprechen.
Wie viel Einfluss gewinnt IQT über solche Minderheitsbeteiligungen auf die strategische Ausrichtung europäischer Start-ups?
Eine kleine Minderheitsbeteiligung von IQT reicht nicht aus, um einem europäischen Start-up die strategische Richtung vorzugeben. Aber wenn ein gut vernetzter Investor sein Netzwerk öffnet und direkten Zugang zu relevanten Kunden und Institutionen schafft, beeinflusst das natürlich die Geschäftsentwicklung. Das ist ein Unterschied zwischen Einfluss durch Chancen und tatsächlicher Kontrolle. Gerade bei sehr kleinen Minderheitsbeteiligungen ist der Einfluss eines Investors jedoch beschränkt.
Führt ein solches Investment schrittweise dazu, dass Standorte oder Entwicklung in die USA verlagert werden?
Ein Investment von IQT führt nicht automatisch dazu, dass europäische Start-ups Entwicklung oder Hauptsitz in die USA verlagern. Ein Investor kann Kontakte, Wissen und konkrete Geschäftsmöglichkeiten im US-Markt schaffen. Ob und wie ein Unternehmen diese Chancen nutzt, und wo es seine Standorte aufbaut, bleibt aber eine unternehmerische Entscheidung.
Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Mehrwert von IQT für die Beteiligungen?
Die besondere Stärke von IQT liegt weniger in der Größe der Investition als in der Schnittstellenfunktion des Fonds. IQT verbindet Technologieunternehmen mit denjenigen Stellen innerhalb der US-Regierung, für die ihre Produkte relevant sein können. Für ein Start-up kann dieser Zugang deutlich wertvoller sein als das reine Kapital.
Warum schafft es das europäische Wagniskapital-Ökosystem nicht, Start-ups in dieser kritischen Phase mit ähnlich schnellem und agilem Risikokapital zu versorgen?
Europa hat durchaus Investoren, die Start-ups auch in frühen und risikoreichen Phasen finanzieren können. IQT sollte man allerdings nicht mit einem klassischen Lead-Investor vergleichen: IQT investiert häufig vergleichsweise kleine Summen und verbindet diese mit strategischem Zugang zu relevanten Institutionen und Kunden in den USA. Was in Europa bislang weniger ausgeprägt ist, ist diese Kombination aus Kapital, Technologieverständnis und institutionellem Zugang aus einer staatlich angebundenen Organisation heraus.
Viele europäische Fonds schließen Rüstungsinvestitionen aus ethischen Gründen aus. Das sogenannte ESG-Regelwek etwa misst, wie nachhaltig und sozial verantwortlich Unternehmen wirtschaften. Müssen diese Kriterien angesichts der neuen Geopolitik reformiert werden, um den Anschluss an die USA nicht zu verlieren?
Die Haltung Europas zu Investitionen im Verteidigungssektor hat sich deutlich verändert. Verteidigungsfähigkeit ist heute eine europäische Priorität. ESG-Vorgaben gebieten Einhalt bei Investitionen im Bereich von Waffensystemen. Für mich beinhaltet ESG aber klar auch den Schutz von Frieden, Freiheit und demokratischen Gesellschaften. Investitionen in Dual-Use-Technologien oder Technologien, die es uns erlauben, unsere Souveränität und Sicherheit zu schützen, können deshalb sehr wohl ESG-konform sein. Bei offensiven Waffensystemen braucht es weiterhin eine differenzierte Betrachtung.
Wo besteht der größte Handlungsbedarf bei der Finanzierung europäischer Defence-Startups?
Die Finanzierung europäischer Defence-Startups scheitert aktuell nicht grundsätzlich an fehlendem Kapital oder fehlenden staatlichen Anreizen. Wir sehen vielmehr einen starken Kapitalzufluss in diesem Bereich. Was für Europa durchaus attraktiv sein kann, ist eine Schnittstelle nach dem Vorbild von IQT, die Start-ups systematisch mit Ministerien und Streitkräften verbindet und so den Transfer von Technologie in die Anwendung beschleunigt.
Führt der frühe Einstieg von US-Investoren zwangsläufig zum Abwandern europäischer Einhörner in die USA?
Die Beteiligung eines US-Investors bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein europäisches Technologieunternehmen später in den USA an die Börse geht oder von einem US-Konzern übernommen wird. Der US-Markt ist für schnell wachsende Technologieunternehmen aber häufig kommerziell attraktiver, durch tiefere Kapitalmärkte, große Kunden und eine ausgeprägte Kultur, externe Innovation einzukaufen. Europa sollte deshalb nicht US-Investoren fernhalten, sondern selbst attraktive Kapitalmärkte, Kunden und industrielle Partner schaffen. Die Kooperation von Rheinmetall mit dem Münchner Start-up ERC System zeigt, dass sich auch in Europa etablierte Defence-Unternehmen zunehmend für Innovation von außen öffnen.
Warum gibt es in Europa bis heute kein echtes Pendant zu IQT?
IQT ist aus einem amerikanischen Ökosystem entstanden, in dem Nachrichtendienste, Militär, Technologieunternehmen und Risikokapital seit Jahrzehnten eng miteinander arbeiten. Europa kommt aus einer anderen historischen Situation: Nach vielen Jahren des Friedens müssen wir uns gesellschaftlich und institutionell erst wieder daran gewöhnen, dass starke Sicherheitsstrukturen und technologische Souveränität notwendig sind. Gleichzeitig ist auch das europäische Venture-Capital-Ökosystem jünger.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund Ansätze wie den Nato Innovation Fund?
In den USA gibt es ein stärker ausgeprägtes Verständnis dafür, früh in aussichtsreiche, aber riskante Technologien zu investieren, bevor ihr Wachstum bewiesen ist. Es gibt dort auch deutlich mehr erfolgreiche Beispiele, die zeigen, dass sich dieses Risiko auszahlen kann. Der Nato Innovation Fund ist ein wichtiger Schritt, aber noch jung. Solche Netzwerke, Kompetenzen und Beschaffungswege entstehen nicht über Nacht, sie müssen wachsen.
Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland.
Sachsen-Anhalt braucht dringend Investoren und ausländische Fachkräfte. Nach dem Wahlsieg der AfD warnen Ökonomen, dass beide wegbleiben. Für Friedrich Merz wächst der Druck
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt könnte das Land teuer zu stehen kommen. Ökonomen warnen, dass Investoren und ausländische Fachkräfte abgeschreckt werden könnten – ausgerechnet in einem Bundesland, das wegen seiner alternden Bevölkerung dringend auf beides angewiesen ist. Auch für die Bundesregierung wächst der Druck, ihre angekündigten Wirtschaftsreformen umzusetzen.
„Das Wahlergebnis könnte das Image von Sachsen-Anhalt verschlechtern und die für das Bundesland dringend benötigten Investitionen gefährden“, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, dem Wirtschaftsmagazin Capital. Vor allem eine restriktive Migrationspolitik könne qualifizierte Zuwanderer abschrecken. Einige Fachkräfte könnten sich sogar entscheiden, das Land zu verlassen.
Das träfe Sachsen-Anhalt an einer empfindlichen Stelle. Knut Bergmann, vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), warnt vor einem demografischen Teufelskreis. Ohne Zuwanderung schrumpfe die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2045 um gut ein Viertel. Bei unveränderter Erwerbsquote würden dann nur noch rund 43 Prozent der Bevölkerung arbeiten. Zugleich brauche die alternde Gesellschaft immer mehr Ärzte, Pflegekräfte und Handwerker. Ohne Zuwanderung fehlten schlicht die Arbeitskräfte, um die Bevölkerung ausreichend zu versorgen, warnt Bergmann.
Sachsen-Anhalt muss sich verändern
Schon heute ist Sachsen-Anhalt zunehmend auf ausländische Beschäftigte angewiesen. Ihr Anteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg von 2,3 Prozent 2015 auf 8,9 Prozent 2025. Wer Zuwanderer abschrecke, schwäche deshalb auch den Standort. Investoren fragten sich, wer in 20 Jahren für sie arbeiten solle und ob sie mit politischer Stabilität rechnen könnten.
Carsten Brzeski, Global Head of Macro der ING, sieht das Ergebnis als Teil eines größeren politischen Trends. „Das Wahlergebnis ist kein Schock, sondern der vorläufige Höhepunkt eines langen Trends.“ Die politische Mitte bröckele, die Parteienlandschaft zersplittere, stabile Koalitionen würden schwieriger – ausgerechnet in einem Land, das dringend Reformen brauche.
Druck auf Merz wächst
Auch für Bundeskanzler Friedrich Merz steigt nach Einschätzung Schmiedings der Druck. Die Risiken für ihn und den Zusammenhalt der Koalition seien „deutlich gestiegen“. Einen vorzeitigen Bruch erwartet Schmieding dennoch nicht: Den Koalitionspartnern fehle auf Bundesebene eine Alternative zueinander.
Schmieding geht deshalb weiter davon aus, dass die Bundesregierung den Großteil ihrer geplanten Wachstumsreformen im Herbst verabschiedet. Nach dem Wahlergebnis wäre ein Zurückweichen aus seiner Sicht sogar kontraproduktiv: „Die Reformen aufzuweichen würde die Aussichten der Koalitionsparteien wahrscheinlich noch verschlechtern.“
Für Sachsen-Anhalt trifft die politische Unsicherheit auf eine ohnehin angeschlagene Wirtschaft. Als traditionelle Hochburg der Chemieindustrie und wichtiger Standort der Autozulieferer habe das Land überproportional unter den gestiegenen Energiepreisen gelitten, sagt Schmieding. Nun könnten sich Fachkräftemangel, Investitionsschwäche und politische Unsicherheit gegenseitig verstärken.
Der Schuldenberg der USA ist so gigantisch, dass es schwieriger wird, freiwillige Gläubiger zu finden. Donald Trump könnte daher versuchen, andere Länder zu zwingen, US-Staatsanleihen zu kaufen
Im Kampf mit seinem vielleicht mächtigstem Gegner, dem Finanzmarkt, hat Donald Trump kürzlich eine scheinbar verrückte Offensive angekündigt. Die Versuche seines Finanzministers Scott Bessent, die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen an den Börsen mit milliardenschweren Rückkäufen zu beeinflussen, seien nur „eine Art der Intervention“, raunte Trump. Die „ultimative Intervention ist unser Militär. Und wenn wir es einsetzen müssen, werden wir es tun“.
Denkt der US-Präsident etwa, er könne den Anleihemarkt bombardieren wie den Iran? Die Kräfte von Angebot und Nachfrage auf den weltumspannenden Finanzmärkten kann man nicht einfach mit militärischen Mitteln ausschalten. Die Forderungen der Marktteilnehmer lassen sich nicht wegbomben. Aber wie so oft wird in Trumps Äußerungen ein bedrohlicher Kern erkennbar, wenn man ihn nicht wörtlich nimmt, aber ernst nimmt, was er meint: Angesichts ihrer gigantischen Schuldenlast könnten die USA versucht sein, der Welt ihre Schulden mit mehr oder weniger sanftem Zwang aufzudrängen.
In Finanzkreisen geht die Angst vor „finanzieller Repression“ um. „Die Idee, US-Staatsanleihen widerwilligen Investoren mit Zwang, Regulierung oder anderen Mitteln in die Depots zu drücken, wird immer ernsthafter verfolgt“, warnt die britische „Financial Times“ (FT). Trump will das Geld von Amerikas Gläubigern dahin lenken, wo es ihm und den USA nützt, auch wenn sie es gar nicht dort investieren wollen. Zwang ist dabei, anders als unter Trumps Vorgängern, nicht mehr unvorstellbar. Trump höhlt die US-Demokratie nicht nur im Inneren aus, sondern agiert auch nach außen immer imperialer, verwandelt einstige Verbündete in Vasallen. Erste Anzeichen für einen neuen US-Finanzimperialismus gibt es bereits.
Freifahrtschein zum Schuldenmachen
Bisher investieren Europa, Japan und selbst China freiwillig Billionen von Dollar in US-Staatsanleihen. Investoren rund um den Globus tragen ihr Erspartes seit Jahrzehnten aus Gewohnheit nach Übersee. Die Märkte dort versprechen satte Renditen, und die US-Regierung gilt als verlässlicher Schuldner. Mit dem Dollar als globaler Leitwährung haben die USA eine Art Lizenz zum fast unbegrenzten Schuldenmachen: Die Welt gibt Washington in seiner eigenen Währung seit mehr als einem halben Jahrhundert nahezu unendlichen Kredit. Doch diese Freifahrt endet nun offenbar.
Der auch als „Anleihe-Bürgerwehr“ berüchtigte Markt schlägt Alarm: Die Renditen für 30-jährige US-Staatsanleihen sind auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren geklettert. Das heißt, die Geldgeber der USA verlangen deutlich höhere Zinsen, die gigantische Schuldenlast wird zu einem Problem für Trump: 40 Billionen Dollar groß ist der Schuldenberg der USA inzwischen. Die Schuldenquote liegt mit rund 126 Prozent der Wirtschaftsleistung so hoch wie auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs. Washington leistet sich im Frieden eine Schuldenorgie, die schon Ex-Fed-Chef Jerome Powell „nicht länger tragfähig“ genannt hat.
Um ihr riesiges Defizit zu stopfen, bleiben den USA zwei konventionelle Wege: die Steuern erhöhen oder den Rotstift ansetzen. Donald Trumps autoritäre Wende in der US-Politik lässt eine dritte Option als möglich erscheinen: Amerikas Gläubiger zwingen, den Geldhahn weiter aufzudrehen.
Andere dazu drängen, was Washington nicht tun will
In Ansätzen setzt Finanzminister Bessent diese imperiale Finanzstrategie bereits um. Japan – mit fast 1,2 Billionen Dollar der größte Halter von US-Staatsanleihen – muss angesichts eines historischen Verfalls seiner Währung US-Schuldscheine verkaufen, um damit Yen zu kaufen und dessen Wert zu stabilisieren. Das treibt allerdings die Rendite der US-Anleihen weiter in die Höhe, ein Problem für Bessent, dessen Ministerium diese Devisenintervention zunächst unterstützte.
Ultimativ forderte er, die japanische Notenbank solle „das Richtige tun“ und die Zinsen erhöhen, auch wenn das die Haushaltslage der hoch verschuldeten japanischen Regierung verschärfen und sie zu drastischen Sparmaßnahmen nötigen würde. Trumps Finanzminister versucht, den Schuldendruck, der auf den USA lastet, aufs Ausland abzuwälzen – indem er Japan drängt, zu tun, was Washington selbst nicht tun will: Ausgaben kürzen und die Leitzinsen anheben.
Diese Doppelmoral ist womöglich nur der Beginn einer Außenpolitik, die auf finanziellen Zwang setzt. Denkbar wäre, dass Banken künftig einen bestimmten Anteil ihres Kapitals in US-Staatsanleihen investieren müssen, wenn sie am US-Finanzmarkt Geschäfte machen wollen. Kapitalkontrollen könnten den Verkauf von US-Staatsanleihen verbieten. Die Größe ihrer Wirtschaft und des Finanzmarktes verleihen den USA Macht: „Sie kommen an den Finanzmärkten schlicht mit Dingen davon, die sich kein anderes Land leisten könnte“, konstatiert die „FT“.
Neuordnung der Welt mit Mafia-Methoden
Und auch offene Erpressung ist nicht ausgeschlossen. Deals beispielsweise, bei denen die USA ihren Gläubigern weiteren militärischen Schutz nur gewähren, wenn die im Gegenzug ihre Kreditlinien verlängern. „Die USA werden wirtschaftlichen und geopolitischen Druck einsetzen, um Kapital ins Land zu holen – auf zunehmend aggressive Weise“, warnten Analysten der Beratungsfirma Independent Economics kürzlich. „Diese Kapitalkriege dürften deutlich folgenreicher sein als der jüngste Handelskrieg.“
Bislang ist das nicht passiert. Aber die Sorgen sind real, weil Trump die Idee von einer imperialen Neuordnung der Weltwirtschaft von Anfang an mitgedacht hat. Nicht nur mithilfe seiner aggressiven Zollpolitik. Schon 2025 hatte Bessent vielsagend etwas von einer „großen wirtschaftlichen Neuordnung“ der Welt geraunt, die bald anstehe. Bereits kurz vor Trumps Amtsantritt entwarf sein zwischenzeitlicher Chefökonom Stephen Miran eine „Anleitung zur Restrukturierung des globalen Handelssystems“.
Angelehnt ist diese Anleitung an das „Plaza-Abkommen“ der 80er-Jahre, mit dem die damals führenden G5-Länder auf Wunsch der USA gezielt den Dollar schwächten und ihre eigenen Währungen aufwerteten. Allerdings mit zusätzlichen Druckmitteln.
So sollen die Gläubiger der USA im Rahmen eines neuen „Mar-a-Lago“-Abkommens entweder eine „Nutzungsgebühr“ dafür zahlen, dass sie ihre Geldreserven in US-Staatsanleihen parken dürfen, also die Zinsen senken. Oder sie sollen ihre restlichen Bestände gleich in hundertjährige Nullzins-Anleihen eintauschen – und den USA somit faktisch ein Jahrhundert lang zinsfrei Kredit geben. Widersetzen sich die Partner, zieht das Pentagon seine Truppen und Flugzeugträger ab.
Das entspricht Trumps Vorstellung von der Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen mit den Methoden eines Schutzgeld-Erpressers. Je schwieriger die Finanzierung der US-Schulden wird, desto mehr könnte er geneigt sein, sie in die Tat umzusetzen.
Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland.
Führt die Bildungs- und Lesekrise zu einem Erstarken der politischen Ränder? Die Verlegerin Julia Bielenberg warnt vor dramatischen Folgen und erzählt, wie Oetinger der Krise mit neuen Formaten begegnet
Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü, das Sams: Ohne diese Figuren wäre die Geschichte des Oetinger Verlags undenkbar. Fünf deutsche Verlage hatten die Geschichte über Pippi Langstrumpf abgelehnt, bevor Friedrich Oetinger Astrid Lindgren 1949 in Stockholm kennenlernte und das Buch noch im selben Jahr auf Deutsch herausbrachte. Heute führt seine Enkelin Julia Bielenberg das Hamburger Familienunternehmen.
Oetinger beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und setzte 2025 rund 36 Mio. Euro um. Aus dem Verlag ist das Medienhaus Oetinger geworden, das nicht mehr nur gedruckte Bücher verlegt, sondern auch Hörbücher und Apps und herausbringt und im Oktober in Hamburg eine Olchis-Erlebniswelt eröffnet.
Frau Bielenberg, womit verdienen Sie als Medienhaus heutzutage Geld?
JULIA BIELENBERG: Unser großes Glück ist, dass wir auf einem großen Schatz von Autoren sitzen, die nach wie vor super funktionieren. Das hat nicht jeder Verlag. Zugleich ist das Buchgeschäft wahnsinnig kleinteilig und nicht sehr margenstark. Viele Bücher rechnen sich nicht. Es ist also immer eine Mischkalkulation. Wir haben die Lizenzabteilung, mit der wir Rechte ins Ausland verkaufen, wir haben Merchandise und vor allen Dingen den sehr stark wachsenden Markt von Audio. Weniger Kinder greifen leider zum Buch, immer mehr wenden sich anderen Möglichkeiten zu.
Wie reagieren Sie als Verlag darauf?
Eine Geschichte wird heute nicht mehr nur als Buch erzählt, sondern in vielen unterschiedlichen Formaten. Wir haben Apps, wir haben Spiele. Im Oktober eröffnen wir in Hamburg eine immersive Erlebniswelt für die Olchis. Das ist eine ganz neue Facette des Geschichtenerzählens, eine Ausstellung, die auch haptisch ist und von den Kindern verändert werden kann. Sie können die Geschichte mitgestalten und sie nicht nur passiv konsumieren wie am Handy.
Welche Rolle spielen Smartphones bei der Entwicklung, die Sie beschreiben, dass viele Kinder immer weniger zum Buch greifen?
Lesen ist anstrengend, da muss man etwas leisten. Das Smartphone ist einfach da, man kann sich berieseln lassen. Das macht leider ganz viel mit den Gehirnen unserer Kinder. Die Synapsen verknüpfen sich nicht mehr so. Cornelia Funke zum Beispiel schreibt sehr bildreich, ihre Sätze sind verschachtelt. Das wird heute von vielen Kindern gar nicht mehr verstanden.
Was bedeutet das für die Bücher, die Sie verlegen?
Wir machen inzwischen viele Bücher, die bewusst aus einfachen Sätzen bestehen. In Berlin können knapp 50 Prozent der Kinder in den dritten Klassen nicht mehr lesen. Deutschlandweit kann jedes vierte Kind nach der vierten Klasse nicht mehr sinnentnehmend lesen. Selbst wenn sie die Buchstaben irgendwie zusammenbringen, verstehen Sie den Inhalt nicht. Das ist unglaublich erschreckend.
Welche Folgen hat das?
Das hat riesige wirtschaftliche Auswirkungen, es ist auch ein erhebliches Problem für uns als Gesellschaft. In der Politik wird das viel zu wenig gesehen. Wer nicht lesen und nicht komplex denken kann, wird sich die einfachen Antworten suchen. Die sind im Zweifel am Rande unseres politischen Spektrums. Da können sie so viel über die Brandmauer reden, wie sie wollen. Wenn die Kinder nicht mehr gebildet sind, wird diese Entwicklung drastisch zunehmen. Wir brauchen eine Bildungsreform, die sich gewaschen hat, und zwar sofort. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.
Wie müsste diese Reform konkret aussehen?
Erst einmal zu unserer Rolle: Seit 10 bis 15 Jahren sind wir sehr aktiv in der Leseförderung. Wir haben Aktionen, wo Kinder kostenlos an Bücher herangeführt werden. Aber sie basieren auf Ehrenamt oder auf dem Engagement der Verlage. Das kann nicht sein. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dieser Herausforderung zu begegnen. Die Bildungsinhalte in den Bundesländern stimmen nach wie vor nicht überein. Das ist ein riesiges Problem. Ich bin eine große Verfechterin des Föderalismus, aber nicht auf Bildungsebene, weil er uns da wahnsinnig behindert. Wir haben kein Rohöl. Wir haben nur die Bildung unserer Kinder, das ist unser Kapital, und wir vernachlässigen es sträflichst. Wir brauchen eine Stärkung der Lehrer, damit sie nicht am System verzweifeln. Wir brauchen eine frühkindliche Sprachförderung von zwei Jahren an, damit die Kinder mit einem Mindestmaß an Sprache in die Grundschulen kommen. Wir müssen die Medienkompetenz ausbauen, sowohl bei den Lehrern als auch bei den Eltern.
Wie sehen Sie die Rolle der Eltern?
Man muss ganz stark auch bei den Eltern ansetzen. Die Kinder gucken sich vieles ab, auch beim Smartphonegebrauch. Wenn die Eltern von morgens bis abends am Smartphone hängen, ist das letztendlich ein Bild dafür, was im Moment passiert. Es wird nicht mehr kommuniziert mit den Kindern, es wird nicht mehr hingeguckt. Vielleicht muss man einen Elternführerschein einführen.
Wie gehen Sie im Verlag mit diesem Spannungsfeld um? Wenn Sie Bücher mit komplexen Inhalten verlegen, werden diese vielleicht weniger gelesen. Aber wenn Sie bewusst einfachere Titel herausbringen, legen Sie die Latte noch tiefer.
Darüber machen wir uns von morgens bis abends Gedanken. Letztendlich ist das die Aufgabe der Transformation. Wir sehen uns hier als Experten für das Geschichtenerzählen. Wir alle lieben Bücher, aber wenn sie nicht mehr in dem Maße funktionieren, müssen diese Geschichten die Kinder auf einem anderen Weg erreichen. Solche Erlebniswelten sind ein Paradebeispiel dafür, wie wir uns verändern von einem klassischen Verlag hin zu einem Medienhaus.
Gehen Sie davon aus, dass das gedruckte Buch in absehbarer Zeit keine relevante Rolle mehr spielen wird?
Um Gottes willen, nein! Das Buch wird es immer geben. Aber es wird wahrscheinlich nicht mehr in der Vielfalt und in der Masse vorhanden sein wie bislang. Es wird eine Reduzierung an Titeln und Auflagen geben. Das merken wir jetzt schon. Schweden ist uns in der digitalen Entwicklung ungefähr sieben Jahre voraus. Früher war dort das Verhältnis im Umsatz 60 zu 40 Prozent bei Buch und Audio. Jetzt ist es andersrum, Tendenz steigend. In Schweden haben sie alles auf dem iPad gemacht von der ersten Klasse an, das hat massiv zum Abbau von Lesefähigkeit geführt hat. Da hat man gegengesteuert und gesagt: Die Grundschulen sind gar nicht mehr digitalisiert. Die Kinder dort haben keine iPads mehr, sondern lernen wieder wie früher einfach mit einem Stift in der Hand. Das führt zu mehr Lesefähigkeit.
Sie selbst sind lange vor der Erfindung des Smartphones und ganz anders aufgewachsen: Auf einem Hof bei Hamburg, auf dem auch der Verlag seinen Sitz hatte. Bekannte Kinderbuchautoren wie Astrid Lindgren und James Krüss gingen ein und aus. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?
Es war ein bisschen wie Bullerbü. Der Verlag war in Duvenstedt, einem Vorort von Hamburg. Es war unglaublich grün und gab viele Apfelbäume. Es war so eine verklärte Kindheit der 70er-Jahre. Im Nachhinein war das sehr frei und sehr schön.
Wie gut erinnern Sie sich an Astrid Lindgren?
Ich habe sie richtig gut kennengelernt. Für mich war sie gar nicht die große Autorin, sondern einfach die Freundin meiner Oma. Sie hat sich mit mir ganz ernsthaft unterhalten. Sie stellte nicht die typischen Fragen, wie es in der Schule war, sondern sie wollte immer genau wissen, wie es mir als Mensch geht, was ich empfinde. Das war damals gar nicht so üblich. Sie war eine der wenigen Personen, mit der man über Gefühle sprechen konnte.
Was hat diese Kindheit Ihnen mitgegeben?
Meine Eltern und meine Oma haben im Verlag gearbeitet. Mein Opa sowieso. Der Verlag war mein Spielplatz und gleichzeitig war er omnipräsent und hat das ganze Leben bestimmt. Da wurde am Abendbrottisch drüber geredet, beim Frühstück. Das war 24/7. Das hatte auf der einen Seite etwas unglaublich Identitätsbildendes und Spannendes, weil ich permanent die tollsten Autoren Deutschlands kennengelernt habe. Mit Rolf Rettig habe ich Ballett getanzt, den sterbenden Schwan auf seinem Rücken, James Krüss hat uns mit den schönsten selbstgestrickten Dingen ausgestattet. Das war sehr besonders.
Und die Schattenseiten?
Auf der anderen Seite hatte das natürlich auch etwas Belastendes, weil ich alles mitbekommen habe. Auch wenn es im Verlag mal nicht so lief, wenn die Eltern gestresst waren. Ich habe ein Bewusstsein dafür bekommen, wie Unternehmen funktionieren, dass es harte Arbeit ist, und zwar von morgens bis abends und jeden Tag.
Haben Sie Ihre eigene Zukunft im Verlag gesehen?
Ich wollte als Kind überhaupt nicht in den Verlag. Ich habe unglaublich gerne gelesen, aber wollte was anderes machen. Ich habe Kunstgeschichte studiert und mich in einem ganz anderen Bereich gehen.
Sie haben den Verlag dann doch übernommen, im Alter von gerade einmal 26 Jahren.
Da ist das Leben dazwischengekommen. Mein Vater ist sehr jung verstorben, mit 56. Da hatte ich gerade meinen Abschluss. Ich hatte ihm versprochen, bevor er operiert werden musste, dass ich mich kümmere. Dieses Versprechen habe ich eingelöst. Zunächst war das natürlich wahnsinnig viel Verantwortung, mit 26 Jahren in Führungsverantwortung, frisch von der Uni. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, habe mir das aber nicht sehr stark anmerken lassen. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und habe schwimmen gelernt. Dann habe ich daran sehr viel Freude gehabt. Damals war ich erst mal verantwortlich für den Theaterverlag. Das Theater hat mich wahnsinnig fasziniert. Diese Nähe zu Autoren und Kreativen fand ich toll. Von daher war das für mich ein Schritt, der nicht so gedacht war, sich dann aber zu meinem größten Glück entpuppt hat.
Bei Oetinger ist auch die Kinderbuch-Reihe „Jan und Julia“ erschienen. Das Vorbild für Julia waren Sie, allerdings haben Sie sich in der Figur nie so recht wiedergefunden. Was hat es damit auf sich?
Als Kind war ich natürlich superstolz, dass Bücher nach mir und meinem Bruder Jan benannt wurden. Sie waren von Margret und Rolf Rettich. Die beiden waren oft bei uns zu Hause. Deswegen hatte es viele Anklänge an unser Leben. Da war vieles echt. Aber dieser Charakter Julia entsprach mir nicht. Jan war immer der Tolle, der alles konnte. Julia war immer diejenige, der hilflos etwas passierte, die im Zweifel so ein bisschen die Dumme war. Wenn die Eltern in Urlaub gefahren sind mit dem Auto und dann musste sie mal, sah man den nackten Po von Julia hinter dem Busch. Das fand ich respektlos. Schon als Kind habe ich gedacht: Warum bin ich eigentlich immer die? Warum haben sie Jan nicht so gezeichnet, dass man den nackten Hintern sieht?
Wie entstehen heute bei Ihnen Bücher? Wonach wählen Sie Titel und Figuren aus?
Jeder, der hier im Haus arbeitet, bekommt von jedem und jeder ein Kinderbuch zugesteckt. Aber für Kinder zu schreiben ist sehr schwer. Wir lehnen über 99 Prozent der Bücher ab, die uns zugesteckt werden. Man muss einen bestimmten Ton treffen, die Kinder erreichen, eine Emotion hervorrufen. Wir prüfen auch sehr genau: Ist dieses Buch etwas für den Markt? Früher haben wir ein Buch einfach gemacht, weil es uns gefallen hat. Heute haben wir eine Researchabteilung, die nach Trends und Themen guckt. Insofern haben wir zwei Säulen, nämlich die des klassischen Autoren-Verlags, wo uns Autoren ihre Texte anbieten, die von sich aus ein Gespür für die Zielgruppe haben und wunderbare Geschichten schreiben können. Auf der anderen Seite haben wir jetzt den Konzeptverlag, wo wir selbst Themen ausarbeiten und an Kreative geben.
Sehr erfolgreich ist der Bereich New Adult. Was steckt hinter dem Phänomen und wie wichtig ist es für Oetinger?
Die Titel spielen im Romance-Bereich und haben einen unheimlichen Sog auf junge Mädchen. Das ist unser großes Glück in der Buchbranche und wird durch Booktok verstärkt. Es ist ein neues Genre geworden, für diese jungen Mädchen zu schreiben. Lesen ist für sie wirklich hip und cool. Problematisch ist aber, dass es dort auch um toxische Dinge gehen kann. Einige Bücher sind krass pornographisch angelegt. Da hätte ich Probleme, das einer 13-Jährigen in die Hand zu drücken. Wir machen diese toxischen Bücher nicht, und es ist auch nur ein kleiner Teil. Ich fände es gut, wenn diese Titel von anderen Verlagen entsprechend gekennzeichnet würden.
Welche Rolle spielt bei Oetinger KI und wo liegen Grenzen?
Wir machen vieles mit KI und sehen das auch als große Chance, Zeit einzusparen, um mehr Raum für kreative Prozesse zu haben. Texte dürfen bei uns aber nicht von einer KI generiert werden. Wir haben das vertraglich ausgeschlossen. Die Schwemme da draußen ist groß, so viele Bücher werden inzwischen mit KI generiert und über Amazon vertrieben. Da ist viel Schrott auf dem Markt. Dagegen muss man sich absetzen. Das tun wir, indem wir keine generative KI einsetzen. Ich glaube, das ist ein großer Wert.
Was treibt Sie als Verlegerin an?
Unser Kern ist das Geschichtenerzählen. Der Fernseher spielt heute bei der jungen Generation kaum noch eine Rolle. Die streamen das meiste. Früher haben wir noch DVDs gemacht, die gibt's heute gar nicht mehr, CDs auch nicht. Formate kommen und gehen. Aber was bleibt, sind die Geschichten. Dafür sind wir da.
„Ablösezahlung für Küche 2000 Euro“, solche Formulierungen stehen oft in Wohnungsinseraten. Oft ist das gar nicht erlaubt. Was Mieter und Vermieter verlangen dürfen
Man kennt es: Die Traumwohnung ist gefunden, man hat sich gegen all die anderen Bewerber durchgesetzt und eigentlich muss nur noch der Mietvertrag unterzeichnet werden. Doch dann kommt der Vormieter um die Ecke und will für die abgenutzte Küche, einen wackligen Esstisch und ein vermacktes Bücherregal noch eine Ablöse von 1000 Euro.
Sollten Interessierte jetzt einfach in den sauren Apfel beißen und das Geld zahlen, um die Wohnung zu bekommen? Können sie einfach ablehnen? Und was sagt eigentlich der Vermieter dazu? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.
Was ist eine Ablösezahlung?
Eine Ablöse ist eine Summe, die zum Beispiel die Noch-Mieter einer aktuellen Wohnung von ihrem Nachfolger verlangen. In der Regel geht es dabei um Möbel oder die Küche, die die Noch-Mieter nicht mit in die nächste Wohnung nehmen wollen. Sie können dadurch Geld für ihre Überbleibsel bekommen.
Dürfen Mieter eine Ablöse verlangen?
Grundsätzlich dürfen Mieter ihrem Nachfolger anbieten, gewisse Möbel für eine Ablösesumme in der Wohnung zu lassen. Die Nachfolger dürfen das Angebot annehmen, aber Mieter dürfen die von ihnen gewünschte Summe nicht zum Auszugskriterium machen. Das wäre dann eine Abstandszahlung und ist nicht rechtens.
Ist die Wohnung gekündigt, müssen sie zum Ende der Vertragslaufzeit raus – unabhängig davon, ob der Nachmieter Geld für die Küche oder sonstiges zahlen will oder nicht.
Dürfen Vormieter Möbel oder Küche in der Wohnung lassen, obwohl neue Mieter sie nicht übernehmen?
Nein. Wer aus einer Mietwohnung auszieht, muss alle Sachen mitnehmen, wenn es keine anderslautende Vereinbarung mit dem Vermieter oder dem Nachmieter gibt. Sie können also nicht einfach gebrauchte Möbel, die sie nicht mehr wollen, stehen lassen. Auch wenn die Küche nicht übernommen wird, zum Beispiel weil der Nachmieter eine eigene mitbringt oder kaufen will, muss die Küche vor dem Auszug raus.
Dürfen Vermieter eine Ablöse verlangen?
Hat der Vormieter zum Beispiel mit dem Vermieter vereinbart, dass die Küche in der Wohnung bleiben kann – vielleicht in der Hoffnung, dass die Wohnung dann schneller vermietet ist – darf er vom zukünftigen Mieter kein Geld dafür verlangen.
Die Zahlung einer Ablöse darf auch nicht die Bedingung dafür sein, dass der Bewerber den Zuschlag für die Wohnung bekommt. Vermieter dürfen den Mietvertrag nicht an die Zahlung einer Auslagenerstattung oder ähnliches knüpfen. So steht es im Wohnungsvermittlungsgesetz.
Wie hoch darf eine Ablösezahlung sein?
Grundsätzlich gilt, dass der Angebotspreis angemessen und fair sein muss. Das heißt, die Höhe muss sich nach dem Zeitwert und Zustand der Möbel richten. Nur weil die Küche beim Kauf 7000 Euro gekostet hat, heißt das noch lange nicht, dass Mieter zehn Jahre später noch 4000 Euro dafür verlangen können. Allgemein darf die Ablöse nicht mehr als 50 Prozent über dem aktuellen Zeitwert liegen.
Muss ich die Zahlung des Abschlags schriftlich festhalten?
Besser ist das. Dafür reicht ein einfacher Kaufvertrag, der die überlassenen Möbel und auch deren Zustand sowie die Kaufsumme auflistet. Dann ist alles sauber geregelt und keine Partei kann der anderen am Ende etwas vorwerfen.
Ich habe eine Ablöse bezahlt, will die Möbel aber gar nicht. Was kann ich tun?
Leider ist es in vielen Ballungsgebieten fast schon zum Standard geworden, dass Wohnungssuchende oft vor der Frage stehen: Ablöse verweigern oder Wohnung bekommen? Der Mietmarkt ist so stark umkämpft, dass die Vormieter oft Ablösen für alte Möbel verlangen und dafür zum Beispiel anbieten, schon früher auszuziehen. Dann würde es sich nicht um eine Ablöse, sondern eine Abstandszahlung handeln. Auch wenn die Begriffe oft synonym verwendet werden, handelt es sich um rechtlich unterschiedliche Prozesse.
Das Anbieten einer Gegenleistung ist nämlich nichts rechtens und darauf muss man sich nicht einlassen. Oft wird die Wohnung dann aber einfach an einen anderen Zahlungswilligen vergeben. Wer sich zu einem Abschlag überreden lässt, kann danach immerhin mit den Möbeln machen, was er oder sie will. Da die Möbel nicht Bestandteil der Wohnung sind und per Ablösezahlung rechtmäßig gekauft wurden, können Nachmieter diese dann umbauen, neu streichen oder auch einfach entsorgen.
Was gilt bei einer möblierten Wohnung?
Bei einer möblierten Wohnung ist der Vermieter derjenige, der die Möbel stellt. Sie gehören fest zum Mietverhältnis, sind im Vertrag genannt und dürfen nicht ohne Rücksprache entsorgt werden. Für solche Wohnungen gibt es oft Aufschläge auf die Miete, einen Möblierungs- oder Abnutzungszuschlag.
Auch hier gilt: Der Abschlag darf nicht zu hoch angesetzt sein. Wird zum Beispiel eine Esstischgarnitur in der Wohnung überlassen, die etwa einen Anschaffungswert von 1000 Euro hatte, darf der Abschlag nicht 100 Euro im Monat betragen. Dann wäre die Garnitur schließlich bereits voll abbezahlt und der Vermieter würde sich darüber hinaus bereichern. Stehen Interessenten vor solchen Problemen mit ihrem zukünftigen Vermieter, können sie sich an Anwälte oder Mietervereine wenden.
Dieser Text stammt aus dem Archiv und erschien erstmals im September 2025. Er wurde erneut geprüft und veröffentlicht.
