Capital Wirtschaftsnachrichten
Unsichere Lieferketten und der Iran-Krieg verschärfen die Krise der Chemiebranche dramatisch. Für viele Unternehmen geht es ums Ganze, mit Folgen, die die gesamte Wirtschaft treffen könnten
Frau Wolf, laut BASF-Chef Markus Kamieth erlebt die Chemieindustrie ihre schwierigste Zeit seit 25 Jahren, wie er es bereits vor Beginn des Iran-Kriegs formulierte. Teilen Sie diese Einschätzung?
ANNA WOLF: Absolut. Die Lage der Branche wird immer kritischer – dass der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus die Situation verschlimmern, ist zu milde formuliert. Für viele Chemieunternehmen geht es jetzt um die Existenz. Denn sie waren vor dem aktuellen Schock schon geschwächt. Der Iran-Krieg ist deshalb so gefährlich, weil er gleich mehrere Belastungen gleichzeitig verstärkt. Wegen der hohen Energiepreise hierzulande konnte die deutsche Chemieindustrie schon in den vergangenen Jahren nicht mehr international wettbewerbsfähig produzieren. Hinzu kommt eine global schwache Nachfrage.
Welche zusätzlichen Belastungen bringt der Iran-Krieg?
Erdöl ist ein ganz wichtiger Rohstoff für die Chemie. Gas ist sowohl für die Energieversorgung der energieintensiven Branche als auch als Rohstoff zentral. Bei beiden sehen wir nun eine Verteuerung und Verknappung. Außerdem sind die Transportkosten gestiegen, und auf den Handelsrouten herrscht Unsicherheit.
Welche Folgen hat das für die Kunden der Chemieindustrie und damit die deutsche Wirtschaft insgesamt?
Die chemische Industrie ist ein Grundversorger der gesamten Wirtschaft: Ihre Produkte stecken in unglaublich vielen Dingen, zum Beispiel in Kunst- und Baustoffen, in Reinigungs- oder Düngemitteln. Sie sind wichtig für die Nahrungsmittelsicherheit und natürlich für pharmazeutische Erzeugnisse. Das heißt, die chemische Industrie steht am Anfang sehr vieler Lieferketten. Wenn es dort zu Preiserhöhungen oder noch schlimmer zu Versorgungslücken kommt, strahlt das auf sehr viele Wirtschaftszweige aus. Die Chemieindustrie ist in zahlreichen Bereichen systemrelevant.
Chemieunternehmen planen nun mit deutlich höheren Preisen und dürften Ihrer Einschätzung nach weitere Arbeitsplätze abbauen – welche Folgen wird das für die Branche haben, handelt es sich um einen Teufelskreis?
Die aktuelle Situation ist wirklich sehr kritisch. Eigentlich können die Unternehmen die Preise gar nicht erhöhen, weil die Nachfrage ohnehin schon schwach ist. Angesichts der hohen Standortkosten hätten sie ihre Preise schon vor dem Iran-Krieg anheben müssen. Jetzt können sie nicht mehr anders, sonst landen sie in der Verlustzone, und das können sie nicht auf Dauer verkraften. Höhere Preise werden allerdings erst recht nicht zu einer steigenden Nachfrage führen, also müssen die Unternehmen gleichzeitig ihre Ausgaben senken. Die Personalkosten sind hier leider die einzige Schraube, denn die hohen Kosten für Energie, Rohstoffe und Bürokratie können sie nicht beeinflussen. Bleibt nur der Jobabbau.
Die Branche kann also nicht aufatmen, wenn die Straße von Hormus wieder offen ist?
Nein, die Situation wird nur von sehr schlecht auf schlecht zurückgehen. Das zentrale Problem sind die hohen Energiepreise in Deutschland. Hinzu kommt die fehlende Energieinfrastruktur, der Ausbau der Stromnetze oder für Wasserstoff geht viel zu langsam. Die Unternehmen müssen die Kosten der Energiewende tragen, aber ihnen fehlen die alternativen Energiequellen. Die Energieversorgung muss dringend gelöst werden und die Bürokratiekosten gesenkt. Um kurzfristige Schocks wie derzeit abzufedern, wären außerdem weitere strategische Reserven sinnvoll: auch für die Energieversorgung der Unternehmen sowie für deren Produktion. China zum Beispiel hat strategische Reserven von Ammoniak und Düngemitteln.
Sehen Sie als Vertreterin der freien Marktwirtschaft also den Staat in der Pflicht?
Wir können es leider nicht mehr wie früher dem Markt überlassen, dass Industrien abwandern, wenn sie hierzulande nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Das geht in einer offenen Weltwirtschaft mit zuverlässigen Partnern. Aktuell gibt es kaum noch verlässliche Partnerschaften. Wenn Europa Industriezweige verliert, die für sehr viele Bereiche systemrelevant sind, etwa für Verteidigung, die Pharmaindustrie oder auch Industriegase, ist unsere Versorgungssicherheit gefährdet.
Bei der Energiewende muss allerdings nicht nur die Politik, sondern auch die Chemieindustrie selbst tätig werden. Wie gut sind die Unternehmen dabei aufgestellt?
Schon vor der Energiekrise hat die Branche viel in eine energiesparende Produktion und Recycling investiert. Ich denke, vieles, was möglich war, hat die Chemieindustrie auch umgesetzt. Aber Netzausbau oder Wasserstoffinfrastruktur sind staatliche Aufgaben, da können Unternehmen nicht viel machen. Bei der Energiewende ist jetzt vor allem die Politik gefragt, sie sollte sich ganz intensiv mit der souveränen Energieversorgung beschäftigen.
Die Chemieindustrie steht schon seit Jahren unter Druck, unter anderem durch die Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs. Haben die Unternehmen bereits entscheidende Produktion verlagert?
Im Bereich der Grundstoffchemie wurden bereits ganze Bereiche geschlossen, zum Beispiel im BASF-Stammwerk in Ludwigshafen. Denn die Produktion ist sehr energieintensiv und der Wettbewerb findet nur über den Preis statt, weil es quasi keine Qualitätsunterschiede gibt. Große Unternehmen haben deshalb ihre Standorte in China, den USA und anderen Ländern ausgebaut. In der Spezialchemie für spezifische Anwendungen, etwa für Hersteller von Beschichtungen, Verbundwerkstoffen oder Spezialkunststoffen beispielsweise für die Auto- oder Verteidigungsindustrie, sieht es anders aus. Da gibt es nicht so viel Konkurrenz und durchaus Qualitätsunterschiede.
BASF hat gerade einen milliardenschweren Standort in China eröffnet. Ist das symptomatisch?
Auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, dass sehr viele Unternehmen über eine solche Strategie nachdenken. Es muss nicht China sein, auch andere Länder kommen infrage, wo sie günstig an Ressourcen, an Energie kommen und die Bürokratielasten nicht so hoch sind – wo sie wettbewerbsfähig produzieren können. Wirtschaftlich ist das sinnvoll, aber für unsere Versorgungssicherheit ist es riskant. Wenn die Produktion am Anfang der Lieferkette in Ländern stattfindet, wo man politischen Strömungen ausgesetzt ist – das gilt aktuell auch für die USA –, ist die Handlungsfähigkeit des gesamten Wirtschaftsraums in Gefahr. Wenn die Chemie abwandert, verliert Deutschland beziehungsweise Europa nicht nur Industriearbeitsplätze, sondern auch ein Stück wirtschaftliche Resilienz.
Haben die Unternehmen nicht auch selbst zu ihrem Auftragsmangel beigetragen?
In der Chemie entscheidet sich vieles über den Preis, weil die Produkte standardisiert sind. Die Qualität ist über die Vorgaben gesichert.
Welche Rolle spielt die Konkurrenz aus Asien?
China bezieht zwar billige Energie aus Russland und kann sich selbst versorgen. Aber zurzeit wird der Weltmarkt für chemische Produkte gerade nicht mit beispielsweise günstigem Dünger überschwemmt – sondern China oder auch Indien haben im Gegenteil ihren Export beschränkt, um die eigene Versorgung sicherzustellen.
Viele Restaurants stecken tief in der Krise. Gastro-Ökonom Michael Ottenbacher von der Hochschule Heilbronn erklärt, warum so viele Betriebe scheitern und wo neue Chancen entstehen
Herr Ottenbacher, im Jahr 2025 ist die Zahl der Insolvenzen bei Restaurants, Cafés und Bars im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent gestiegen. Damit ist der höchste Stand seit 2011 erreicht. Wie ist die Stimmung in der Branche aktuell?
MICHAEL OTTENBACHER: Die Stimmung hat sich noch einmal deutlich verschlechtert. Die ersten Monate des Jahres waren ungewöhnlich ruhig – ruhiger als in den Vorjahren. Deutlich spürbar ist, dass die Gäste sparen und seltener ausgehen.
Wie dramatisch ist die Konsumflaute auf einer Skala von eins bis zehn?
Wenn zehn sehr schlecht ist, dann liegen wir aktuell bei etwa acht. Das ist deutlich stärker als in den letzten Jahren.
Welche Rolle spielt dabei der Iran-Krieg?
Der verschärft die Situation zusätzlich. Gastronomie ist eine energieintensive Branche. Höhere Energiepreise treiben die Kosten weiter nach oben, genauso Transportkosten und Einkaufspreise. Gleichzeitig überlegen sich die Gäste genauer, wofür sie ihr Geld ausgeben – und sparen dann oft zuerst beim Restaurantbesuch.
Welcher Bereich in der Gastronomie leidet besonders unter dieser Entwicklung?
Vor allem die gehobene Gastronomie hat Probleme, denn dort sparen Gäste am ehesten. Gut laufen dagegen weiterhin erschwingliche Angebote wie die Systemgastronomie, Wirtshäuser oder einfache Konzepte.
Was ist aus der Mehrwertsteuersenkung zum Jahresanfang geworden? Die Senkung bei Speisen bei Verzehr im Restaurant wurde dauerhaft von 19 Prozent auf sieben Prozent gesenkt. Hat diese Maßnahme nicht zur Stärkung der Branche beigetragen?
Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen wird sicherlich nicht alle Gastronomiebetriebe retten, aber einige werden vor der Insolvenz bewahrt. Ein schlechtes Geschäftsmodell, also zu hohe Kosten gegenüber den Einnahmen oder fehlende Alleinstellungsmerkmale, wird letztlich zum Scheitern führen. Daran ändert auch die Mehrwertsteuersenkung nichts. Man muss auch bedenken, dass zur gleichen Zeit, am 1. Januar, neben den steigenden Energiepreisen der Mindestlohn angestiegen ist – von 12,82 Euro auf 13,90 Euro pro Stunde. Das ist immerhin eine Steigerung um 8,4 Prozent. Höhere Preise in anderen Branchen nehmen Kunden gelassener hin.
Nach den niederschmetternden Insolvenzzahlen des vergangenen Jahres: Wird die Pleitewelle dieses Jahr abebben oder wird sie noch größer?
Ich gehe davon aus, dass erneut viele Betriebe das Jahr nicht überleben werden. Die Margen sind extrem gering, die Kosten steigen weiter und die Nachfrage ist schwach.
Stehen wir also vor einer weiteren Marktbereinigung?
Ja, davon ist auszugehen. Betriebe ohne tragfähiges Konzept werden verschwinden, während andere davon profitieren werden.
Gibt es Wege aus dieser Krise?
Ja. Viele Gastronomen versuchen derzeit, neue Einnahmequellen zu erschließen. Ein Beispiel ist der Verkauf von Produkten für zu Hause, wie etwa fertige Gerichte, Soßen oder Menüboxen. Dieser Trend hat sich schon in der Corona-Zeit entwickelt und funktioniert teilweise sehr gut.
Die Chancen liegen also nicht im Restaurant selbst, sondern im Außer-Haus-Markt?
Absolut. Hochwertige Lebensmittel sind heute viel stärker gefragt und auch verfügbar. Gastronomen können davon profitieren, indem sie ihr Angebot erweitern, beispielsweise mit eigenen Produkten oder kleinen Feinkostkonzepten. Das kann ein zusätzlicher Umsatzkanal sein, gerade in Städten. Viele Menschen gehen seltener auswärts essen und kochen mehr zu Hause, aber sie wollen trotzdem Qualität. Genau hier können Gastronomen ansetzen und hochwertige Produkte oder vorbereitete Gerichte anbieten.
Dazu gehört auch „Convenience Food“, also küchenfertige Lebensmittel und Fertiggerichte. Diese „Bequemküche“ wird von vielen kritisch gesehen.
Zu Unrecht finde ich. „Convenience“ bedeutet schließlich nicht automatisch schlechte Qualität. Oft sind bereits bestimmte Arbeitsschritte erledigt, etwa geputztes Gemüse oder portioniertes Fleisch. Das kann Kosten sparen und Prozesse effizienter machen, ohne dass es für den Gast negativ auffällt.
Welche Rolle spielen Effizienz und Einkauf?
Eine große. Viele Betriebe müssen ihre Kostenstrukturen überdenken, beispielsweise beim Einkauf oder bei der Gestaltung der Speisekarte. Größere Mengen einzukaufen oder sich einer Einkaufsgenossenschaft anzuschließen, kann dabei helfen. Ein Restaurant muss beispielsweise nicht 20 verschiedene Weine anbieten. Eine wichtige Rolle spielt auch die Digitalisierung. Sie hilft dabei, Prozesse zu optimieren, schneller zu arbeiten und teilweise auch Personal einzusparen. Viele Betriebe haben bereits in diesem Bereich investiert und werden dies auch weiterhin tun.
Wie sieht es mit dem Einsatz von Robotern in der Küche aus?
In der klassischen Gastronomie wird es noch dauern. In Kantinen oder Großküchen sind jedoch bereits erste Anwendungen zu sehen. Das Hamburger Startup Goodbytz zum Beispiel entwickelte sogenannte Robotic-Kitchen-Assistants: Roboterarme, die vorgegebene Gerichte kochen können. Rund 150 Gerichte schafft ein Roboter pro Stunde. Beschäftigte und Gäste des Uniklinikums Tübingen werden von einem Küchenroboter bekocht, wo täglich fünf Gerichte zur Auswahl sind. Außerdem besteht die Möglichkeit, auch außerhalb der Öffnungszeiten ein frisches und warmes Essen zu bekommen. Letztendlich kommt es für alle darauf an, die Kosten im Griff zu behalten und gleichzeitig neue Einnahmequellen zu finden. Wie beispielsweise mit Feinkost – was in Frankreich übrigens hervorragend läuft und in Deutschland noch gar nicht so verbreitet ist.
Muss der Staat noch einmal aktiv werden?
Ich glaube, die Politik hat bereits einiges unternommen, und man sollte nicht ausschließlich nach weiterer Unterstützung rufen. Wichtiger wäre aus meiner Sicht weniger Bürokratie. Diese hat in den vergangenen Jahren eher zugenommen als abgenommen und belastet die Betriebe zusätzlich. Natürlich wäre jede Entlastung hilfreich, aber die grundlegenden Probleme liegen in der Kostenstruktur und im Markt selbst. Die Branche muss ihre eigenen Hausaufgaben machen, effizienter werden, neue Konzepte entwickeln und zusätzliche Einnahmequellen erschließen. Ich glaube, dass es ein normaler Prozess ist, wenn sich der Markt bereinigt.
Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland.
Die Hotellerie verkauft längst eher Geschichten als nur Zimmer. Vom Eisiglu übers Baumhaus bis zur Mondstation – das Spektakel boomt. Doch die Realität beginnt, zurückzuschlagen, meint unser Kolumnist Carsten K. Rath
Urlaub. Hinter diesem Wort verbarg sich einst vor allem ein Ortswechsel auf Zeit. Heute sind Ferien, ob kurz oder lang, zur verheißungsvollen Projektionsfläche geworden. Für einen möglichst luxuriösen Lifestyle, fürs neue Ich, für den Drang nach Abenteuern. Kurz: Reisen und Hotels sind ein Versprechen, das gar nicht spektakulär genug ausfallen kann. Und gehalten werden muss.
Denn wer einfach irgendwo ausspannt, hat hinterher schlicht zu wenig zu erzählen oder zu posten. Wer dagegen in einem Bett aus Eis geschlafen hat, im Unterwasser-Restaurant speiste oder in einer gläsernen Kapsel an der Felswand hing, dem gehört die Social-Media-Bühne. Und genau dieses „Storytelling“ ist längst zur eigentlichen harten Währung der modernen Hotellerie geworden.
Wie weit man dieses Phänomen inzwischen ausreizen kann, das zeigt ein Projekt aus Kalifornien. Dort plant das Start-up GRU Space bereits im Jahr 2032, ein Hotel auf dem Mond zu eröffnen. Der Name GRU steht übrigens für Galactic Resource Utilization. Gegründet hat das Unternehmen der 22-jährige Berkeley-Absolvent Skyler Chan, der vom renommierten Accelerator Y Combinator gefördert wurde.
Die Zimmer auf dem Mond lassen sich schon jetzt reservieren und die nicht erstattungsfähige Antragsgebühr ist mit 1000 Dollar sogar überraschend bodenständig. Die eigentliche Anzahlung liegt dann je nach Kategorie zwischen 250.000 und 1 Mio. Dollar. Der Aufenthalt selbst verschlingt mehrere Millionen, schließlich liegt diese Nobelherberge wirklich „janz weit draußen“. Im All. Dort, wo der Gedanke ans Rufen des Zimmerservices absurd wirkt – bei rund 384.400 Kilometern Lieferweg, sollte das Gewünschte nicht vorrätig sein.
Hotels als Story-Aufhänger
Natürlich ist das Hotel auf dem Mond vorerst pure Vision, vom Computer in Bilder gebannt. Und vielleicht ist dieses Extrembeispiel gerade deswegen so ehrlich. Denn es macht sichtbar, was vielerorts längst Realität ist: Hotels verkaufen nicht mehr bloß Übernachtungen mit oder ohne Frühstück. Sie verkaufen Erzählbarkeit.
Das Iglu aus Eis steht dabei nicht für Komfort, sondern für Tapferkeit bei unwirtlichen Temperaturen. Das Zimmer unter Wasser symbolisiert weniger entrückte Ruhe, sondern das Gefühl, Teil eines Aquariums zu sein. Das Luxus-Baumhaus in Costa Rica verkauft eben nicht allein die Nacht hoch über dem Boden, sondern die Illusion, dem Urwald so besonders nah zu sein. Diese Orte sind keine klassischen Luxusherbergen, sie stellen Bühnen für die Selbstinszenierung der Gäste dar. Diese werden zu Protagonisten ihres eigenen Stückes oder Films, dank Smartphone, Stativ und den passenden Hashtags. Und mit der stillen Hoffnung, dass das Wlan auch bei minus 25 Grad nicht einfriert.
All das funktioniert erstaunlich gut, auch in weniger außergewöhnlichen Locations und Gefilden. Zumindest so lange, bis die Kulissen wackeln und ein Konzept größer und wichtiger wird als dessen präzise, konsistente und serviceorientierte Umsetzung. Beim Spektakel als Selbstzweck werden grundlegende Bedürfnisse von Gästen nämlich rasch zur Nebensache. Wie etwa bei Hotels, wo der Verzicht zum Mantra wird: keine Fenster, kein Strom, kein Personal – beworben als „authentisch“ und „aufs Wesentliche reduziert“. In Wahrheit stecken oft Sparsamkeit und eine gewisse Ideenerschöpfung dahinter.
Mangel übertrumpft Erlebnis
Das Problem für die hach so kreativen Macher: Gäste lassen sich vieles verkaufen, sie verzeihen aber nicht alles! Spätestens wenn um drei Uhr morgens im Winter die Heizung ausfällt, das Internet streikt und das Club-Sandwich mal wieder „aus“ ist, verpufft der Charme des Abenteuers rasch. Da wird aus der Story einer lebensverändernden Erfahrung rasch ein Mangelbericht.
Der Druck auf „crazy hotels“, ob auf dem Mond oder unserem blauen Planeten, ist dementsprechend hoch. Kann ein traditionelles Haus seinen mittelmäßigen Service über Jahre hinweg kaschieren, steht und fällt bei einem Spektakel-Hotel alles mit der außergewöhnlichen Erfahrung. Ist keinerlei Substanz dahinter, nutzt sich jede Verrücktheit irgendwann ab.
Vor diesem Hintergrund wirkt das Mondhotel von GRU Space fast schon wohltuend konsequent. Es behauptet gar nicht erst, ein funktionierendes Hotel zu sein. Es verkauft eine Vision. Ein „Vielleicht“, das in der Zukunft liegt. Genau darin liegt seine Stärke: Es enttäuscht nicht, weil es nichts einlösen muss. Noch.
Das sagt viel über unsere Branche und uns selbst als Gäste, finde ich. Wir sind offenbar bereit, Geld für Erlebnisse zu bezahlen, die wir möglicherweise nie haben werden. Solange uns die bloße Planung schon Erzählstoff liefert. Spannend. Und verwirrend.
Würde ich selbst auf dem Mond übernachten wollen? Ich denke, eher nicht. Dafür schätze ich funktionierende Duschen zu sehr, eine gute Tasse Kaffee und die Erdanziehung. Mein Rücken wird so ungern überrascht. Aber ich bewundere den Mut hinter dieser Idee. Und vielleicht noch mehr die Zukunfts-Touristen, die sie buchen. Das Hotel auf dem Mond, das es noch gar nicht gibt.
Nach Todesfällen kommt oft viel Bürokratie auf Angehörige zu. Spezielle Vollmachten können helfen – wer vorsorgt, minimiert spätere Nachlassprobleme
Nach Todesfällen kommt oft viel Bürokratie auf Angehörige zu. Spezielle Vollmachten können helfen – wer vorsorgt, minimiert spätere Nachlassprobleme
Capital-Redakteurin Birgit Haas analysiert, wie stark die hohen Energiepreise Deutschlands Industrie belasten. Das Wachstum schwächelt. Droht der Wirtschaft jetzt eine Phase der Stagnation
Capital-Redakteurin Birgit Haas analysiert, wie stark die hohen Energiepreise Deutschlands Industrie belasten. Das Wachstum schwächelt. Droht der Wirtschaft jetzt eine Phase der Stagnation
